Copyright © 1995 by O'Reilly/International Thomson Verlag

Bitte denken Sie daran: Sie dürfen zwar die Online-Version ausdrucken, aber diesen Druck nicht fotokopieren oder verkaufen.

Wünschen Sie mehr Informationen zu der gedruckten Version des Buches "Linux - Wegweiser zur Installation & Konfiguration", dann klicken Sie hier.


Kapitel 5

Multimedia unter Linux

Linux bietet in Verbindung mit geeigneter Hardware eine hervorragende Grundlage für die Entwicklung und Benutzung von Multimedia-Dokumenten und -Anwendungen. Wir gehen in diesem Abschnitt auf die Konfiguration Ihres Linux-Systems für den Einsatz von Multimedia-Dokumenten ein. Dazu gehören Hypertext, Drucksachen und Grafik sowie interaktives Video und Audio. Wir werden hier nicht die Entwicklung von Multimedia-Software besprechen -- das würde ein ganzes Buch in Anspruch nehmen -- aber wir gehen auf grundlegende Themen ein, die sowohl den Entwickler von Anwendungen als auch den Entwickler und Benutzer von Multimedia-Dokumenten interessieren.

Die Anforderungen an Ihre Hardware und Software werden von der Art der Multimedia-Dokumente bestimmt, die Sie erstellen möchten. Schon mit sehr wenig Geld läßt sich eine Menge erreichen. Wenn Sie den richtigen Ansatz wählen, können Sie frühe Multimedia-Arbeiten verbessern und ausweiten statt sie zu verwerfen, wenn Sie über ein leistungsfähigeres Systems verfügen. Wir besprechen eine Philosophie der strukturierten Dokumentation, die es ermöglicht, Ihre Dokumente ständig weiter zu entwickeln und zu verbessern, statt sie zu ersetzen, wenn bessere Hard- und Software für Multimedia-Präsentationen verfügbar wird. Schließlich bieten wir Ihnen eine Strategie zur Einführung einer Philosophie der strukturierten Dokumentation, die auch dann noch Ihre Anforderungen erfüllt, wenn Ihre Fähigkeiten und Ziele gewachsen sind.

Hardware

Wenn Sie weiter nichts als Hypertext erstellen möchten, reicht dafür ein einfaches Linux-System. Sie können sogar auf das X Window System verzichten. Falls Sie häufiger mit Grafik oder Audio arbeiten wollen, sind die Anforderungen wahrscheinlich wesentlich höher. Sie können anspruchsvolle Multimedia-Dokumente sogar auf einem System erstellen, das diese Dokumente nicht in zufriedenstellender Qualität darstellen kann.

Lassen Sie uns zunächst die Hardware eines Linux-Systems untersuchen und feststellen, welchen Einfluß sie auf Ihre Möglichkeiten zur Her- und Darstellung von Multimedia-Dokumenten hat. Anschließend wollen wir die Mindestanforderungen für die Erstellung und Präsentation von unterschiedlich anspruchsvollen Multimedia-Dokumenten zusammenfassen.

Die Hauptplatine

Ein 16-Bit-ISA-Motherboard (AT-Bus) definiert das untere Ende Ihrer Multimedia-Ausstattung. Eine 16-Bit-Hauptplatine ohne einen Erweiterungsbus wie den Local Bus ist wahrscheinlich ein bißchen zu langsam für zufriedenstellende Grafikleistungen -- es sei denn, Sie benutzen eine Grafikkarte mit einem eigenen Grafikkoprozessor. Selbst dann werden Sie wahrscheinlich nicht in der Lage sein, ruckfreies Video und Trickfilme abzuspielen.

Falls Video nicht zu den geplanten Multimedia-Anwendungen gehört, kann ein einfaches 16-Bit-Motherboard ausreichende Multimedia-Leistungen zeigen. Bei einigen Hauptplatinen läßt sich der Bustakt von ursprünglich acht MHz auf zehn oder sogar 12,5 MHz heraufsetzen. Wenn alle Ihre Erweiterungskarten die höhere Taktrate vertragen, ist dies eine gute Methode, die Grafikleistung zu steigern. Falls Sie dabei sind, eine neue Hauptplatine zu besorgen, sollten Sie nicht auf Local-Bus-Slots nach VLB- oder PCI-Norm verzichten. Das bedeutet heutzutage gleichzeitig, daß Sie eine 486er oder Pentium-CPU anschaffen sollten, denn die Entwicklung von 386er Motherboards ist weitgehend eingestellt worden.

Die CPU

Die CPU (Central Processing Unit) 386SX ist die langsamste CPU, auf der Linux laufen kann, und sie ist ausreichend schnell, um Hypertext zu erstellen. Wenn Sie allerdings lange Texte in ein grafisches Format konvertieren wollen oder solche Grafikformate wie X-Bitmaps oder PostScript-Dateien in ein Dokument einbinden und bearbeiten möchten, werden Sie vielleicht feststellen, daß Sie einen mathematischen Koprozessor benötigen (MPU, Mathematics Processing Unit). Das ist ein besonderer Chip in Systemen mit einer der CPUs 386SX, 386 und 486SX von Intel und den meisten Nachbauten davon. Schon eine 80287er MPU (wie sie von einigen 386/486SX-Motherboards unterstützt wird) bewirkt im Vergleich mit »nackten« CPUs ohne MPU-Unterstützung eine enorme Beschleunigung bei vielen grafischen Anwendungen.

Falls Sie für Ihre Multimedia-Anwendungen noch kein spezielles System angeschafft haben, sollten Sie auf jeden Fall einen Rechner mit einer CPU in Erwägung ziehen, die über einen eingebauten mathematischen Koprozessor verfügt -- etwa den 80486er oder Pentium von Intel. Beachten Sie, daß viele der populären CPU-Nachbauten keinen internen mathematischen Koprozessor haben. Die Rechenleistungen dieser CPU-Clones können selbst unter Benutzung einer externen MPU gegenüber den CPUs mit internem Koprozessor deutlich abfallen. Abgesehen davon benutzen einige Multimedia-Programme die MPU gar nicht; in diesem Fall spielt es absolut keine Rolle, ob ein mathematischer Koprozessor eingebaut ist oder nicht. Außerdem kann es zwar wichtig sein, beim Erstellen von Seitenlayouts und für das Formatieren von Grafiken eine MPU einzusetzen, aber für die Darstellung von Grafiken ist eine MPU weniger wichtig. Bei dieser Arbeit spielt die Leistung der Grafikkarte eine größere Rolle, wie wir weiter unten noch darlegen werden.

Der Arbeitsspeicher

Wenn Sie innerhalb Ihrer Multimedia-Aktivitäten mehr vorhaben, als nur Hypertext und gelegentlich eine Grafik zu erstellen, sollten Sie mehr als das Minimum von acht Megabytes RAM vorsehen. Mit 16 MBytes sollten Sie in der Lage sein, alle Multimedia-Dokumente zu erstellen und anzuzeigen; trotzdem kann weiterer Arbeitsspeicher zum Puffern von großen Datenmengen für den beschleunigten Zugriff und die schnelle Darstellung effektiv genutzt werden.

Das Audiosystem

Das Herz Ihres Audiosystems ist die Soundkarte. Die meisten Soundkarten sind recht einfach aufgebaut; das wäre bedauerlich, wenn mehr Anwendungen tatsächlich gute Audioleistungen benötigten. Allerdings hat hochwertiges Audio in der aktuellen Generation von Multimedia-Anwendungen keine hohe Priorität. Zur Zeit werden meistens Karten eingesetzt, die SoundBlaster-kompatibel sind. Ihre Soundkarte sollte auf jeden Fall diese Minimalanforderung erfüllen und mit Stereoein- und -ausgängen versehen sein. Eventuell ergeben sich aus der geplanten Multimedia-Arbeit zusätzliche Anforderungen; die meisten der aktuellen Karten bieten Erweiterungen an, die für den einen oder anderen der konkurrierenden Audiostandards für Computer gedacht sind. Oft ist auch DOS-Software enthalten, die den Zugriff auf diese erweiterten Fähigkeiten gestattet. Es kann auch passieren, daß Sie die Sounddateien in ein anderes Format konvertieren müssen, damit Sie unter Linux damit sinnvoll arbeiten können.

Immer mehr Soundkarten bieten ausgefeilte Möglichkeiten des Sampling, die Sie vielleicht nutzen möchten, oder enthalten Chips, die weitergehende Fähigkeiten zur Erzeugung von Geräuschen haben. Die meisten dieser Möglichkeiten werden von Linux derzeit nicht unterstützt -- es sei denn, Sie benutzen Software, die unter DOS oder OS/2 läuft, nicht jedoch unter Linux.

Es besteht trotzdem kein Grund zur Verzweiflung, falls Sie vorhaben, solche Features zu nutzen. Eine Reihe von Treiber-Schreibern und Anwendungsprogrammierern ist dabei, die besonderen Fähigkeiten von immer mehr Soundkarten unter Linux nutzbar zu machen. In den Hardware-FAQs und dem SOUND-HOWTO von Linux finden Sie die aktuellen Informationen zu Utilities und Treibern für Ihre Zwecke. Zur Zeit stehen unter Linux Utilities zur Verfügung, die die Erzeugung von Geräuschen sowie Aufnahme und Wiedergabe auf verschiedenen ISA-Bus-Soundkarten der Formate SoundBlaster, Pro Audio, Gravis und anderer unterstützen. Unter Einsatz von Utilities zur Konvertierung von Sounddateien haben Sie auch die Möglichkeit, Audiodaten zu konvertieren und zu nutzen, die aus FTP-Archiven im Internet stammen, von MIDI-Synthesizern erzeugt oder von Audio-CDs aufgenommen wurden. Sie können solche Sounddaten in Ihre Multimedia-Dokumente einbinden, und zwar in einem Format, das Ihre Präsentationssoftware verarbeiten kann.

Die Grafikkarte und der Monitor

Für alles, was über einfachen Text hinausgeht, brauchen Sie mindestens die VGA-Auflösung (640x480 Pixel). Glücklicherweise wird dieser Quasi-Standard von fast allen PCs unterstützt, auf denen Linux laufen kann, und ist auch auf Rechnern von Macintosh, Amiga sowie anderen Nicht-Intel-Architekturen bekannt. Wenn Sie Ihre Dokumente für verschiedene Plattformen entwickeln, ist es vielleicht eine gute Idee, diese Auflösung zu wählen, auch wenn höhere Auflösungen zur Verfügung stehen. Die Auflösung 640x480 Pixel kann leicht mehr Ressourcen verschlingen, als es bei Video der Fall ist -- insbesondere, wenn 16,7 Millionen Farben benutzt werden. Schon 256 Farben sind in dieser Auflösung ausreichend, wenn Sie mit Bedacht eingesetzt werden.

Heutzutage erscheint eine Auflösung von 640x480 Pixeln für Standbilder vielleicht nicht mehr angemessen. Eventuell würden Sie lieber eine höhere Auflösung wie 800x600 mit 256 Farben oder 1024x768 in schwarz/weiß oder Farbe benutzen. Egal, welche Auflösung Sie wählen -- Sie bewahren die Portabilität und erleichtern sich die Grafikkonvertierung, wenn Sie ein Seitenverhältnis von 4:3 Pixeln (horizontal:vertikal) einhalten. (Damit erzielen Sie eine Darstellung aus »quadratischen Pixeln«, die z.B. die Drehung eines Objektes um 90 Grad erlaubt, ohne daß dazu aus Quadraten Rechtecke und aus Kreisen Ovale werden müssen.) Was wir sagen wollen ist: Ihre Grafikkarte und der Monitor müssen die beabsichtigte Auflösung bei der Darstellung von Grafik unterstützen.

Es gibt unendlich viele Kombinationen aus Grafikkarte und Monitor für den PC. Wir gehen davon aus, daß Sie das X Window System und damit auch das XFree86-Paket benutzen werden, wenn Sie innerhalb Ihrer Multimedia-Dokumente Grafik entwickeln oder benutzen möchten. Die Verlockung ist groß, für eine Fenster-orientierte Arbeitsumgebung die höchste mögliche Auflösung zu wählen, weil das die Arbeit mit vielen Fenstern erleichtert. Allerdings erweisen sich bei höheren Auflösungen die Leistungen von Grafikkarte und Monitor als ernst zu nehmende Beschränkungen, und eine der Komponenten oder auch beide können die Grafik in Ihren Multimedia-Anwendungen erheblich verlangsamen. Außerdem steigen die Kosten für Karten und Monitore bei Auflösungen oberhalb von 800x600 enorm schnell an.

Wir empfehlen eine beschleunigte Grafikkarte mit einem der Chipsätze, die von XFree86 unterstützt werden -- etwa dem ET4000 oder dem S3 -- in einem Einsteckplatz nach dem besten und schnellsten Busstandard, den Ihr Motherboard unterstützt. Solche Karten gibt es schon für weniger als DM 300. Mittlerweile werden auch andere, schnellere Chipsets unterstützt. In den FAQs zu XFree86 oder in den Hardware-FAQs zu Linux finden Sie die aktuellen Listen mit Grafikkarten und Chipsätzen, die unterstützt werden. Ein solcher Grafikkoprozessor bietet z.B. eine Auflösung von 1024x768 (oder besser) non-interlaced.

Die Daten werden auf dem Systembus an den Grafikkoprozessor übertragen, und auch dieser Bus bildet einen Engpaß. Mit einem EISA-Bus-System oder einem Local-Bus-Einsteckplatz nach VLB oder PCI auf Ihrer Hauptplatine erreichen Sie ohne Probleme deutlich bessere Übertragungsraten als mit der üblichen 16-bittigen ISA-Karte. Um bei der Darstellung von bewegten Objekten oder Videobildern akzeptable Leistungen zu erreichen, müssen Sie eventuell eines dieser schnellen Bussysteme benutzen.

Die meisten dieser beschleunigten Karten enthalten ein Megabyte an Grafikspeicher. Wenn Sie mit bewegten Objekten oder Auflösungen oberhalb von 1024x768 Pixeln arbeiten oder viele Farben benutzen, sollten Sie eine Grafikkarte wählen, die zwei MBytes oder mehr an Grafikspeicher aufnehmen kann.

Oft wird der Monitor das obere Ende der Grafikleistung auf Ihrem System definieren, und es ist eine Frage des Preises, welche Leistungen Ihr Monitor entfalten darf. Der übliche Farb- oder Schwarz-Weißmonitor hat eine Bildschirmdiagonale von 14 Zoll. Wenn ein solcher Monitor gleichzeitig eine angemessen kleine Lochmaske hat (0,28 mm, besser noch 0,26 mm), kann er Auflösungen bis zu 1024x786 Pixel darstellen. Für den Multimedia-Einsatz empfiehlt es sich eventuell, einen größeren Monitor zu benutzen, selbst wenn die Lochmaske größer ist.

Der sichtbare Bildschirmausschnitt eines 17-Zoll-Monitors ist 50 % größer als der eines 14-Zöllers. Selbst bei derselben Auflösung bietet der größere Monitor ein viel besseres Bild. Für Monitore mit mehr als 14 Zoll Bildschirmdiagonale sollten Sie kein Schwarz/Weiß wählen. In den letzten Jahren sind große S/W-Monitore mit 1600x1200 Pixeln und einer Diagonale von 21 Zoll auf den Markt gekommen; diese Geräte sind fast vollständig verschwunden, seit die Preise für große Farbmonitore gefallen sind. Es gibt ein paar gute 15-Zoll-Farbmonitore, und die nächste Stufe nach oben bilden die bunten 17-Zöller. Viele dieser Monitore können Auflösungen von 1600x1200 Pixeln oder mehr darstellen; die meisten größeren Monitore bieten keine höheren Auflösungen als diese. Natürlich wird (in gewissen Grenzen) der größere Monitor noch immer als der bessere empfunden.

Die Größe eines Monitors ist allerdings nur ein Aspekt. Ein kleiner Monitor mit einer kleineren Lochmaske kann vorteilhafter sein als ein großer Monitor mit großer Lochmaske. Dies gilt insbesondere, wenn die Pixel hell und scharf leuchten und es sich um eine »flache« Bildröhre handelt.

Ein wichtiger Faktor bei der Darstellung von hochauflösenden Bildern ist die horizontale Zeilenfrequenz des Monitors. Diese Frequenz bestimmt die Bildwiederholrate und die maximal mögliche Non-interlaced-Auflösung des Bildschirms. Wenn bei einer bestimmten Auflösung die Bildwiederholrate nicht groß genug ist, kann störendes Flimmern die Augen ermüden lassen; dies gilt insbesondere, wenn Sie Darstellungen mit feinen Strukturen betrachten. Falls Sie intensiv Grafiken mit einer Auflösung von 1024x768 betrachten wollen, sollte die Zeilenfrequenz 76 kHz oder mehr betragen. Denken Sie auch daran, daß Ihre Grafikkarte eine Eingangsfrequenz liefern muß, die Ihren Monitor eine hohe Bildwiederholrate erreichen läßt. So können Sie berechnen, ob ein Monitor die benötigte Zeilenfrequenz erreichen kann -- allgemein gilt: höher ist besser.

  1. Teilen Sie die horizontale Zeilenfrequenz in Hertz durch den Wert für die Zeilen in der Auflösung (also z.B. durch 768 bei einer Auflösung von 1024x768). Damit erhalten Sie die theoretisch mögliche Bildwiederholrate.

  2. Multiplizieren Sie die theoretische Bildwiederholrate mit dem Wert 0,96. Dieser Wert gleicht die Zeit aus, die der Elektronenstrahl braucht, um am Ende eines Bildschirmdurchlaufs vom unteren Bildschirmrand wieder an den Anfang des Bildschirms zu gelangen, wo der nächste Durchlauf beginnt. Das Ergebnis ist eine hinreichende Annäherung an die tatsächliche Bildwiederholrate.

Wenn Sie sich mit Ihrer Grafikkarte und Ihrem Monitor beschäftigen, werden Sie vielleicht feststellen, daß Sie unter Einsatz von mehr als einer Zeilenfrequenz bestimmte Grafikmodi benutzen können. Eventuell müssen Sie Ihre XFree86-Konfiguration sorgfältig anpassen, um die beste mögliche Frequenz zu finden, die Ihre Kombination aus Grafikkarte und Monitor für eine bestimmte Auflösung erreichen kann. Damit erhalten Sie in der Regel die beste Darstellung für diesen Modus. Es kann allerdings auch vorkommen, daß bei bestimmten Frequenzen unerwünschtes, regelmäßiges Flimmern auftritt, wenn störende Einflüsse von Leuchtstoffröhren auftreten; es ist auch möglich, daß ein Monitor, der in Grenzbereichen seiner Spezifikation betrieben wird, zu unruhiger Darstellung neigt.

Strukturierte Multimedia-Dokumente

Effektive Multimedia-Dokumente sind »strukturierte Dokumente«. Sie enthalten Bestandteile, die auf verschiedene Arten präsentiert werden können -- je nachdem, welche Ausgabegeräte dem Benutzer zur Verfügung stehen.

Ein Beispiel: Ein strukturiertes Multimedia-Dokument könnte für den Ausdruck auf Papier mit 2,5 cm breitem Rand, einer zehn Punkt großen Schrift vom Typ Roman und sechs Zeilen Text pro Zoll formatiert werden; mit Grafiken, die als Schwarz-Weiß-Bilder erscheinen und Fußnoten, die auf derselben Seite stehen, auf der die Fußnote im Text markiert ist. Dasselbe Dokument könnte auf einem Multimedia-Computer in einem Fenster im Querformat dargestellt werden, ohne Ränder und mit Fußnoten, die erst dann sichtbar werden, wenn mit der Maus auf ein Icon geklickt wird, woraufhin der Text der Fußnote in einem untergeordneten Fenster erscheint. Grafiken würden, je nach Monitortyp, in Farbe oder schwarz/weiß dargestellt und die Auflösung würde automatisch an die Fenstergröße angepaßt. Ein Mausklick auf eine Grafik könnte eine Videosequenz mit unterlegtem Ton starten. Dasselbe Dokument würde auf einem Zeilen-orientierten Monitor ohne Fensteroberfläche als Text erscheinen, der für einen Bildschirm mit 24 Zeilen und 80 Zeichen formatiert ist, wobei die Fußnoten direkt hinter dem Absatz erscheinen, in dem das Fußnotenzeichen steht.

Ein anderes wesentliches Merkmal eines strukturierten Dokumentes ist, daß es »lebt«. Es kann verändert werden, man kann darauf verweisen und es kann in einer Art und Weise benutzt werden, die der Autor sich nicht hätte träumen lassen. Der Benutzer hat die Möglichkeit, durch Ausnutzung bestimmter Eigenschaften seiner Präsentationssoftware den Zugang zum und die Darstellungsweise des Dokuments zu beeinflussen. Er oder sie kann mittels solcher Methoden wie Indizierung, Hinzufügen von Anmerkungen, Herstellen von Verweisen auf andere Dokumente und Ähnlichem das vorliegende Dokument erweitern. Damit dies alles effektiv funktioniert, muß das Dokument sich nur in eine wohldefinierte Struktur einfügen, die so sehr standardisiert ist, daß die Entwickler von »Formatierungssoftware« diese Möglichkeiten einbauen können.

Dies sind keine Hirngespinste -- strukturierte Dokumente gibt es in verschiedenen Formaten schon seit einigen Jahren; z.B. in Form von Textdatenbanken, Hypercard-Stacks und Mailing-Listen, als UNIX-Man-Pages usw. Strukturierte Dokumente definieren nicht das Aussehen des Dokuments oder eines Datenstroms (wie dies z.B. das RTF-Format, TEX und troff tun), und bilden auch nicht ein Dokument auf einer definierten Ebene ab (wie dies z.B. HPGL und die Seitenbeschreibungssprache PostScript tun). Die festen Abbildungsvorschriften dieser älteren Standards verhindern, daß ein Dokument »lebt« -- eine Anpassung an verschiedene Ausgabegeräte ist nicht ohne weiteres möglich.

Im Jahre 1986 wurde ein wichtiger internationaler Standard eingeführt, nämlich ISO 8879, in dem die Standard Generalized Markup Language (SGML) definiert ist. Dieser Standard hat sich inzwischen in weiten Teilen des Publikationswesens durchgesetzt, und man macht sich seine Flexibilität bei der Darstellung von Dokumenten zunutze.

In einem SGML-Dokument sind die Bestandteile des Dokuments -- Text, Abbildungen, Audiosequenzen usw. -- in Form von strukturierten Elementen zusammengefaßt. So könnte ein Text z.B. aus Unterabschnitten und Listen bestehen, die wiederum Bestandteil von Abschnitten und Kapiteln sind. Eine Document Type Description (DTD; Dokumentenbeschreibung) definiert, welche Verknüpfungen von Strukturelementen erlaubt sind. (Ein Buch muß mindestens ein Kapitel haben; ein Kapitel muß einen Titel haben und mindestens einen Textabschnitt enthalten, und es dürfen Abbildungen vorhanden sein; eine Abbildung kann weitere Bilder und eine oder mehrere Tonspuren enthalten usw.)

Verlage in der Computerindustrie und auch außerhalb erstellen Bücher und Online-Hilfesysteme aus SGML-formatierten Dokumenten. Diese Arbeitsweise ist zugegebenermaßen noch teuer und kompliziert, wenn es um die Herstellung von großen, komplexen Dokumenten geht, aber Sie können bereits heute mit SGML arbeiten, ohne verstaubte Regelbücher zu lesen und trockene Zauberformeln zu beherrschen.

Seit etwa zwei Jahren quillt das Internet über mit Dokumenten, die als Bestandteil des World Wide Web (WWW; etwa: weltweites Netz oder Gespinst, Gewebe) erstellt worden sind. Die Idee hinter dem World Wide Web ist, daß über das Internet Dokumente aufeinander verweisen können, die irgendwo auf der Welt gespeichert sind.

Wenn Sie einen WWW-Browser (ein Utility zur Darstellung von Dokumenten) benutzen, können Sie ein Dokument auf einem Rechner in London einsehen, das einen Verweis auf ein anderes Dokument in Helsinki enthält. Der Browser behandelt diesen Verweis wie einen Link (Verknüpfung), und wenn Sie auf den Verweis klicken überträgt er das damit verknüpfte Dokument für Sie. Mit einem Mausklick sind Sie gerade durch Europa gereist! Die WWW-Browser werden immer ausgefeilter. Es gibt eine Reihe von Linux/UNIX-Browsern, die das Stöbern im WWW unterstützen, und einige davon sind nach DOS, VMS, Macintosh sowie auf andere Betriebssysteme portiert worden.

Das riesige Netz aus miteinander verbundenen WWW-Dokumenten wird durch eine strukturierte Dokumentenbeschreibungssprache namens HTML (HyperText Markup Language) zusammengehalten.

Im Abschnitt » HTML-Dokumente schreiben « in Kapitel 7, Vernetzung und Kommunikation finden Sie eine Einführung in die Erstellung von Dokumenten mittels HTML. Während die ursprüngliche Version von HTML nur teilweise strukturiert war (Dokumente konnten, mußten aber nicht strukturiert sein) erlaubt HTML 2.0, die zweite Generation der Sprache HTML, die Erstellung von voll strukturierten WWW-Dokumenten, die außerdem zu SGML kompatibel sein können.

Mit HTML 2.0 haben Sie die Möglichkeit, besondere Dateiformate z.B. für Grafiken, Video, Audio sowie andere spezielle Formate in Ihre strukturierten Dokumente einzubinden. Eine bisher wenig genutzte Eigenschaft von HTML ist, daß Sie diese Technologie lokal einsetzen können, um Multimedia-Dokumente zu erstellen und anzuzeigen, die auf einer Festplatte oder CD-ROM gespeichert werden. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihre lokalen Dokumente mit anderen WWW-Dateien im Internet zu verknüpfen.


Inhaltsverzeichnis Vorherige Abschnitt Nächstes Kapitel