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15. Schluß: das Leben nach der Revolution

Wie wird die Welt der Software aussehen, wenn der Übergang zu Open Source erst abgeschlossen ist?

Um diese Frage zu untersuchen, ist es hilfreich, Software im Allgemeinen zunächst einmal nach dem Grad der Vollständigkeit einzuteilen, in dem ihre jeweils angebotenen Services nach offenen technischen Standards beschrieben werden können. Dieser Grad der Vollständigkeit steht in engem Zusammenhang damit, wie sehr diese Services "commoditized" sind, d.h. wie in welchem Maß es sich um ganz grundlegende Dienste handelt, deren Implementation allgemein zugänglich ist und gut auf sehr viele Programmierer aufgeteilt werden kann.

Diese Achse entspricht auch sehr genau den üblichen Vorstellungen von "Applikationen" (die im Augenblick überhaupt nicht "commoditized" im Sinne von "offen" und "standardisiert" sind), "Infrastruktur" (grundlegende Dienste, verbindliche und verbreitete Standards), und "Middleware" (teilweise commoditized, effektive, aber unvollständige Standards). Die einzelnen Paradigmata dafür wären heute (1999): Textprozessor (als typischstes Beispiel für eine Applikation), TCP/IP-stack (als typischstes Beispiel für technische Infrastruktur) und Datenbankmaschine (als typischstes Beispiel für Middleware).

Die weiter oben durchgeführte Rentabilitätsanalyse legt nahe, daß Infrastruktur, Applikationen und Middleware auf verschiedene Art transformiert werden können und jeweils eine unterschiedliche ideale Balance an Open Source und Closed Source haben. Wir erinnern daran, daß unsere Erkenntnis auch darin besteht, daß der Grad an Offenheit des Quellcodes in einem bestimmten Softwarebereich davon abhängt, wie stark die wirkenden Netzwerkeffekte sind, wie hoch die Kosten eines Ausfalls sind und in welchem Maße das Unternehmen von Software abhängig ist.

Nun können wir einige Vorhersagen wagen, vorausgesetzt, daß wir diese Erkenntnisse nicht auf individuelle Produkte, sondern auf ganze Segmente des Software-Marktes anwenden:

Infrastruktur (Internet, World Wide Web, Betriebssysteme und die unteren Schichten von Kommunikationssoftware, die keine Überschneidungen mit konkurrienden Herstellern haben) wird fast vollständig Open Source sein, von Benutzerkonsortien gepflegt werden und von gewinnorientierten Dienstleistungsunternehmen (wie heute beispielsweise Red Hat) vertrieben und betreut werden.

Applikationen, auf der anderen Seite, haben die höchste Tendenz, weiterhin nicht-öffentlich entwickelt zu werden. Unter Umständen, unter denen der Gebrauchswert von nicht-öffentlichen Algorithmen oder Technologien hoch genug ist (und die Kosten für mangelnde Ausfallsicherheit gering und das Risiko eines Herstellermonopols tolerierbar sind) werden die Konsumenten weiterhin für geschlossene Software bezahlen. Das gilt besonders für in sich abgeschlossene, vertikale Anwendungen, bei denen Netzwerkeffekte nur schwach ausgeprägt sind. Unser früheres Beispiel vom Verschnittoptimierer für Sägewerke ist eine solche Anwendung; biometrische Identifikation sieht aus der Perspektive von 1999 nach einer weiteren aus.

Middleware (Datenbanken, Entwicklungswerkzeuge oder die Anwendungsschichten von Protokoll-Architekturen) werden nicht so einheitlich abgegrenzt sein. Ob Kategorien für Middleware offener oder geschlossener sind, hängt von den Kosten für Ausfälle ab, was Marktdruck in Richtung mehr Offenheit erzeugt.

Um das Bild zu vervollständigen müssen wir aber beachten, daß weder "Applikationen" noch "Middleware" tatsächlich stabile Kategorien sind. In "Wann man seinen Quellcode aus dem Tresor holen sollte" haben wir gesehen, daß bestimmte Softwarekategorien einen eigenen Lebenszyklus zu haben scheinen, der von "natuerlich geschlossen" zu "natuerlich offen" geht. Die selbe Logik gilt auch für das Gesamtbild.

Applikationen rücken nach und nach auf das Feld der Middleware, wenn sich Standards entwickeln und Teile der Dienste zu grundlegenden Aspekten (also einer "Commodity") werden. Datenbanken, zum Beispiel, wurden Middleware, nachdem SQL die Frontends von der Datenbankmaschine entkoppelte. Wenn Middleware-Services eine Commodity werden, geht der Trend mehr und mehr in Richtung Open Source - was wir bei Betriebssystemen gerade beobachten können.

Für eine Zukunft, die Konkurrenz durch Open Source beinhaltet, können wir daher erwarten, daß das letztendliche Schicksal jeder Software sein wird, entweder zu sterben oder Teil der Infrastruktur zu werden. Während das kaum gute Nachrichten für die Unternehmer sind, die am liebsten eine ewige Leibrente für eingekapselte Software erhalten würden, zeigt es doch, daß die Software-Industrie im Ganzen gewinnorientiert bleiben; wird, was immer neue Nischen am oberen (d.h. Applikations-) Ende erzeugt und Herstellern nur so lange Monopole gewährleistet, wie ihre Produkte noch nicht Teil der Infrastruktur sind.

Schließlich wird es natürlich so sein, daß dieses Gleichgewicht für den Konsumenten von Software nur Vorteile hat. Mehr und mehr qualitativ hochwertige Software wird permanent verfügbar und beliebig anzupassen sein, statt irgendwann einmal eingestellt oder in irgendeinem Tresor weggesperrt zu bleiben. Ceridwens verzauberter Kessel ist dafür eigentlich ein zu schwaches Gleichnis - denn während Essbares verzehrt oder schlecht wird, hat Quellcode das Potential für ewiges Leben. Der freie Markt, im weitesten Sinne jeglicher freiwilligen Aktivität am Markt, der ja zwischen Handel und Verschenken keinen Unterschied macht, kann unentwegt steigenden Wohlstand an Software hervorbringen, und das für uns alle.


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