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13. Offene Forschung und Entwicklung und die Renaissance der Patronage

Die Infusion von bedeutenden Mitteln in die Open Source-Welt hat noch eine weitere Auswirkung. Die Stars der Gemeinde finden gerade heraus, daß sie für das bezahlt werden können, was sie gerne machen und nicht mehr darauf angewiesen sind , ihre Projekte als Hobby zu betreiben, das durch ein anderes Tagesgeschäft finanziert werden muß. Firmen wie Red Hat, O'Reilly & Associates und VA Linux Systems bauen gerade eigene, unabhängige Forschungsabteilungen auf, die ausdrücklich dafür ausgelegt sind, Open Source-Kreative zu beschäftigen.

Wirtschaftlich gesehen macht das nur dann Sinn, wenn die Kosten pro Kopf eines solchen Software-Labors aus den erwarteten Gewinnen aus einen schneller wachsenden Markt leicht bezahlt werden können. O'Reilly kann es sich leisten, die treibende Kraft hinter Perl und Apache für ihre Arbeit zu bezahlen, weil sie für ihren Aufwand erwarten können, mehr Bücher über Perl und Apache zu verkaufen. VA Linux Systems kann sein Labor finanzieren, da Linux den Gebrauchswert ihrer Workstations und Server erhöht. Und Red Hat kann die Red Hat Advanced Development Labs unterhalten, um den Wert seiner Linux- Angebote zu steigern und mehr Kunden anzulocken.

Für Strategen aus traditionellen Sektoren der Software-Industrie, die Patente oder Geschäftsgeheimnisse als die Kronjuwelen ihrer Firmen ansehen, mag dieses Verhalten (trotz der erwirkten Erweiterung des Marktes) rätselhaft sein. Warum soll man Forschung und Entwicklung finzanzieren, die dann ex definitione von jedem Mitbewerber gratis verwendet werden kann?

Es gibt hier augenscheinlich zwei steuernde Ursachen. Die eine ist, daß, solange diese Firmen dominierende Spieler in ihren jeweiligen Märkten sind, sie erwarten können, einen gerechten Anteil am Markt zu gewinnen, der zum Anteil an ihren Aufwendungen für F&E proportional ist. Und Forschung und Entwicklung für den Erwerb zukünftiger Profite zu verwenden, ist sicher keine neue Idee. Neu ist aber der Gedanke, daß die zukünftigen Gewinne groß genug sind, um Trittbrettfahrer tolerieren zu können.

Während diese offensichtliche Analyse des erwarteten Werts für die Welt bodenständiger Investoren notwendig ist, kann es nicht erklären, warum ausgerechnet die Stars angeheuert werden. Die betreffenden Firmen geben hier eine andere, weniger klar umrissene Erklärung. Wenn man sie danach fragt, geben sie an, daß es nach den Maßstäben der Gemeinde einfach das naheliegendste und fairste ist. Der Autor selbst ist mit den führenden Entwicklern in allen drei zitierten Firmen ausreichend bekannt und kann bestätigen, daß dies nicht einfach als Humbug abgetan werden kann. Tatsächlich wurde ich Ende 1998 persönlich in den Vorstand von VA Linux Systems eingeladen, so daß ich verfügbar wäre, um sie darüber zu beraten, was denn das "naheliegendste und fairste" wäre, und meine Ratschläge wurden auch ernst genommen.

Ein Betriebswirt hat das Recht zu fragen, welche Rentabilitäten es hier gibt. Wenn wir akzeptieren, daß der Hinweis auf Fairness keine leere Pose ist, dann sollte unsere nächste Frage lauten, welchem Eigennutz der Firmen diese Fairness dient. Die Antwort ist weder überraschend noch schwer zu beweisen, wenn man die Frage richtig stellt. Wie bei anderem augenscheinlich altruistischem Verhalten in anderen Industrien wird hier einfach Sympathie (Good Will) eingekauft.

Für diesen "guten Willen" etwas zu leisten und ihn als Guthaben zu sehen, das zukünftiges Wachstum des Marktanteils fördert, ist ebenfalls kaum eine neue Idee. Interessant ist aber, daß ihn die zitierten Firmen extrem hoch bewerten. Offensichtlich sind sie bereit, teure Talente für Projekte einzustellen, die keine unmittelbaren Gewinne abwerfen, und das während der kapitalhungrigsten Phase - ihres Börsenganges. Bisher wenigstens hat der Markt dieses Verhalten tatsächlich belohnt.

Die Manager dieser Firmen selbst sind sich über die Gründe und den Wert von Good Will voll im Klaren. Sie verlassen sich auf die Freiwilligen unter ihren Kunden, sowohl bei der Weiterentwicklung der Produkte als auch beim informellen Marketing. Diese Beziehung mit ihren Kunden ist eine sehr innige und basiert oft auf persönlichem Vertrauen zwischen Individuen innerhalb und außerhalb der Firma.

Diese Beobachtungen bestätigen die Einsichten, die wir schon vorher durch eine andere Linie unserer Überlegungen erhalten haben. Die Beziehung zwischen Red Hat/VA/O'Reilly und ihren Kunden und Entwicklern ist nicht eine für Güter produziernde Firma typische. Stattdessen zeigt sie ein interessantes Extrem einer Charakteristik, wie wir sie von Wissens-intensiven Dienstleistungsindustrien gewohnt sind. Außzerhalb der Technologiewirtschaft können wir diese Muster beispielsweise bei Anwaltskanzleien, Arztpraktiken oder Universitäten beobachten.

Tatsächlich können wir sehen, daß Open Source-Firmen Hackerstars aus genau den selben Gründen beschäftigen, aus dem Universitäten Star-Akademiker anheuern. In beiden Fällen ist die Praktik der einer aristokratischen Patronage ähnlich, die den größten Teil der schönen Künste bis kurz nach der industriellen Revolution unterhalten hat - eine Ähnlichkeit, der sich manche Beobachter durchaus bewußt sind.


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