Nichtsdestoweniger gibt es Wege, auf denen man Märkte für Software-bezogene Dienstleistungen erzeugen kann, die so etwas wie den indirekten Warenwert vergüten. Dafür gibt es fünf bekannte und zwei spekulative Modelle (in Zukunft könnten noch mehr entwickelt werden).
Bei diesem Modell verwendet man Open Source-Software, um sich auch mit proprietärer Software am Markt zu positionieren, die direkt vergütet wird. Die üblichste Variante ist, Open Source- Klientensoftware zu verschenken, um Server-Software verkaufen zu können, oder mit Open Source-Produkten eine Website zu promoten, die Gewinne abwirft (sei es durch Vergebührung von Mitgliedschaften oder Werbung).
Netscape Communications, Inc. verfolgte diese Strategie und veröffentlichte im März 1998 den Quellcode für ihren Browser Mozilla. Die Browser-Seite ihres Geschäfts machte nur 13% der Erträge aus, und sank noch weiter, als Microsoft mit dem ersten Internet Explorer herauskam. Die aggressive Vermaktung des IE (und zweifelhafte Bundling- Praktiken, die später zum Gegenstand eines Anti-Kartellverfahrens wurden) erodierte sehr schnell Netscapes Anteil am Browser- Markt und führte zur Sorge, daß Microsoft die Monopolisierung des Browsermarktes anstrebte und dann die de-facto-Kontrolle über HTML verwenden würde, um Netscape vom Server-Markt zu verdrängen.
Durch Veröfentlichung des Quellcodes für ihren noch immer sehr beliebten Browser versperrte Netscape Microsoft praktisch die Möglichkeit, sich ein Monopol zu schaffen. Sie erwartete, daß die Open Source-Kollaboration den Entwicklungs- und Korrekturprozeß ankurbeln würde und hofften, daß Microsofts IE beim Wettrennen um die Definition von HTML auf ein bloßes Hinterherlaufen reduziert werden würde.
Diese Rechnung ging auf. Im November 1998 eroberte Netscape Marktanteile vom IE zurück. Zum Zeitpunkt, als Netscape durch AOL übernommen wurde (Anfang 1999) war der Wettbewerbsvorteil klar genug, daß AOLs erste Verlautbarung war, das Mozilla-Projekt weiterhin zu unterstützen.
Dieses Modell ist eines für Hardware-Hersteller. "Hardware" bedeutet in diesem Zusammenhang jegliche Peripherie, Erweiterungskarten und komplette Computersysteme. Der Marktdruck zwang die Hersteller, Software für ihre Hardware zu entwickeln (von Gerätetreibern über Konfigurationssoftware bis zu kompletten Betriebssystemen), die aber selbst keine Gewinne abwirft. Sie stellt Unkosten dar, oft sehr hohe.
In dieser Situation macht die Veröffentlichung des Quellcodes keine Umstände. Es gibt keine Erträge zu verlieren, daher fällt diese Schattenseite weg. Was der Hersteller gewinnt ist ein ungleich größerer Pool von Entwicklern, rascheres und flexibleres Reagieren auf die Bedürfnisse der Kunden und mehr Zuverlässigkeit durch Peer Review. Portierungen auf andere Plattformen erfolgen kostenlos. Dazu kommt wahrscheinlich noch erhöhte Kundenloyalität, da die technischen Stäbe der Kunden mehr Zeit in den Code und Anpassungen investieren, die sie wirklich benötigen.
Es gibt aber eine Reihe von Einwänden, die Hersteller vorbringen, typischerweise in Zusammenhang mit Gerätetreibern. Statt deren Diskussion hier mit den allgemeineren Belangen zu verwässern, habe ich ihr einen eigenen Anhang; gewidmet.
Das Resultat der "Zukunftssicherheit" von Open Source ist in Hinblick auf dieses "Glasurmodell" besonders ausgeprägt. Hardware-Produkte haben eine begrenzte Lebensdauer und werden nicht ewig betreut; danach sind die Kunden auf sich allein gestellt. Wenn sie aber Zugang zum Quellcode haben und gewünschte Anpassungen selbst vornehmen können, ist es wahrscheinlicher, daß sie zufrieden sind und immer wieder kommen.
Ein sehr dramatisches Beispiel für die Anwendung der Glasurmethode war Apple Computers Entscheidung, die Mitte März 1999 gefallen ist: "Darwin", der Kern ihres MacOSX Server- Betriebssystems, wurde Open Source.
Bei diesem Modell schafft man sich durch Open Source-Software eine Position am Markt für Dienstleistungen, nicht am Markt für Closed Source-Software.
(Früher nannte ich das "Rasierer herschenken, Klingen verkaufen", die Verbindung ist aber nicht so stark wie in der Analogie Rasierer/Klingen).
Das ist es, was Red Hat und andere Linux-Distributoren tun. Sie verkaufen nicht wirklich die Software, die Bits selbst, sondern den Mehrwert, der durch Zusammenstellen und Testen eines funktionierenden Betriebssystems entsteht. Sie verkaufen die (wenn auch nur implizite) Garantie, daß es sich dabei um ein serienreifes Produkt handelt, das mit allen anderen Exemplaren vom selben Hersteller kompatibel ist. Weitere Elemente dieses Business Models sind etwa kostenloser Support für die Installation und Optionen auf Verträge für technische Betreuung.
Diese Markt-erzeugende Wirkung von Open Source kann sehr stark sein, besonders bei Firmen, die sich zwangsläufig ohnehin in einer Dienstleisterposition befinden. Ein sehr lehrreiches akuelles Beispiel ist Digital Creations, eine Web-Designfirma, die auf komplexe Datenbank- und Transaktionssites spezialisiert ist. Ihr zentrales Tool, die Kronjuwelen geistigen Eigentums, ist ein Object Publisher, der schon mehrere Namensgebungen und Inkarnationen hinter sich hat und jetzt Zope heißt.
Als die Leute bei Digital Creations sich um Venture Capital umsahen, analysierte ein interessierter VC die anvisierte Marktnische der Firma, die Leute und die Tools. Seine Empfehlung lautete dann, den Quellcode von Zope als Open Source zu veröffentlichen.
Nach den traditionellen Maßstäben der Software-Industrie sah das nach einem völlig durchgeknallten Schachzug aus. Die konventionelle Weisheit der Betriebswirte lautet hier, daß die eigentliche Substanz der Firma in ihrer Software Zope liegt und unter keinen Umständen hergegeben werden darf. Der VC hatte aber zwei miteinander verwandte Einsichten. Die eine ist, daß Digital Creations' eigentliche Substanz die Gehirne und die Talente seiner Leute ist. Die zweite Einsicht ist, daß Zope als markterzeugendes Produkt mehr Wert schaffen kann als wenn es von der Firma unter Verschluß gehalten wird.
Um das zu erkennen sollte man zwei Szenarios miteinander vergleichen. Im konventionellen Szenario bleibt Zope Digital Creations' Geheimwaffe. Unterstellen wir, daß das sehr gut funktioniert. Das Ergebnis wird sein, daß die Firma überlegene Qualität schneller liefern kann als die Konkurrenz - aber niemand kann das wissen. Es wird sehr leicht sein, Kunden glücklich zu machen, aber sehr schwierig, überhaupt einen Kundenstamm aufzubauen.
Der VC sah aber, daß die Veröffentlichung von Zope zur wichtigsten Reklame für Digital Creations tatsächliche Substanz werden könnte - ihre Mitarbeiter. Seine Erwartung war, daß die Kunden beim Erwägen von Zope es für günstiger halten würden, die Experten anzuheuern, als eigenes Zope-Know-How zu erarbeiten.
Einer der Köpfe hinter Zope hat in der Zwischenzeit bestätigt, daß die Open Source-Strategie "viele Türen geöffnet hat, die anderfalls verschlossen geblieben wären". Potentielle Kunden reagieren tatsächlich auf die Logik hinter dieser Situation - und Digital Creations geht es dementsprechend sehr gut.
Ein weiteres, minutenaktuelles Beispiel ist e-smith, inc. Diese Firma verkauft Support-Verträge für schlüsselfertige Open Source-Internetserver-Software, ein angepasstes Linux. Einer seiner Leiter kommentiert das Wachstum der kostenlosen Downloads so: "Die meisten Firmen würden das als Raubkopien ansehen, wir halten es für Gratiswerbung".
Bei diesem Modell verkauft man Zubehör ("Accessories") für Open Source-Software. Am unteren Ende wären das Kaffeehäferl und T-Shirts, am oberen Ende professionell redigierte und produzierte Dokumentation.
O'Reilly Associates, der Herausgeber vieler hochwertiger Standardwerke über Open Source-Software, ist ein gutes Beispiel für so eine Zubehörfirma. O'Reilly beschäftigt und unterstützt viele bekannte Open Source-Hacker (wie Larry Wall und Brian Behlendorf), um ihre Reputation am von ihnen gewählten Markt zu festigen.
Bei diesem Modell veröffentlicht man nur die Binaries unter einer Closed License, die aber ein Ablaufdatum für den Ausschluß der Öffentlichkeit enthält. Die Lizenz sieht dann beispielsweise so aus, daß sie die freie Weitergabe gestattet, aber die kommerzielle Nutzung ohne Gebühr verbietet und garantiert, daß die Software ein Jahr nach dem Herauskommen oder nach einem Bankrott des Herstellers unter der Open Source-Lizenz (GPL) freigeben wird.
Durch dieses Modell können die Kunden sicher sein, daß das Produkt an ihre Bedürfnisse angepaßt werden kann, da sie den Quellcode bekommen werden. Das Produkt ist zukunftssicher , da es die Garantie gibt, daß die Open Source-Gemeinde das Produkt übernehmen kann, sollte die Herstellerfirma sterben.
Da der Verkaufspreis und die Umsätze auf diesen Erwartungen der Kunden beruhen, sollte der ursprüngliche Hersteller mehr Gewinn machen als durch eine ausschließliche Closed Source-Lizenz. Darüber hinaus wird älterer Code, der unter die GPL gestellt ist, einer gründlichen Peer Review unterzogen und durch Verbesserungen und Fehlerbehebungen wird dem Hersteller ein Teil der 75 Prozent-Last der Wartung von den Schultern genommen.
Dieses Modell wurde von Alladin Enterprises für ihr Programm Ghostscript (ein PostScript-Interpreter für eine Reihe von Non- PostScript-Druckern) erfolgreich angewendet.
Der Hauptnachteil dieses Modells ist, daß der Ausschluß der Öffentlichkeit Peer Reiview und Anteilnahme in den Anfangsstadien des Produktzyklus unmöglich macht, also genau dann, wenn das am dringensten benötigt wird.
Dies ist ein spekulatives Business Model. Man veröffentlicht den Quellcode einer Softwaretechnologie, behält sich eine Test-Suite oder einen Reihe von Kompatibilitätskriterien vor und verkauft dann den Benutzern ein Gütesiegel, das einer bestimmten Implementation einer Technologie Kompatiblität mit allen anderen Trägern des Siegels attestiert.
(So sollte Sun Microsystems Java und Jini handhaben).
Dies ist ein weiteres spekulatives Business Model. Stellen Sie sich etwa einen Börsenticker-Service vor. Der Wert liegt weder in der Klientensoftware noch dem Server, sondern im Liefern von objektiver und stichhaltiger Information. Daher veröffentlicht man alle Software und verkauft Abonnaments der Inhalte. Wenn Hacker den Klienten auf neue Plattformen portieren und in verschiedener Weise verbessern, vergrößert sich automatisch Ihr Markt .
(Aus diesem Grund sollte AOL den Quellcode seiner Klientensoftware öffentlich zugänglich machen).