Die Erfahrung der Open Source-Kultur hat sicher viele der Annahmen jener Leute umgeworfen, die ihre Kenntnisse der Softwareentwicklung außerhalb dieser Kultur erworben haben. "Die Kathedrale und der Bazar" [CatB] beschreibt, wie dezentralisierte Kooperationen beim Entwicklungsaufwand Brooks Gesetz besiegen können, was zu einem noch nie dagewesenen Niveau bei individuellen Projekten führt. "Homesteading the Noosphere" [HtN] untersucht die soziale Dynamik innerhalb derer dieser "bazar-orientierte" Stil beim Entwickeln zu Hause ist; mit der These als Anliegen, daß man diese Dynamik nicht am besten unter dem Blickwinkel einer Tausch/Waren-Ökonomie betrachtet, sondern unter dem einer "Gift Culture" - Geschenkkultur -, wie Ethnologen das nennen. In so einer Geschenkkultur gibt es unter den einzelnen Mitgliedern einen Wettbewerb um Status, der sich am Wert der hergegebenen Geschenke mißt. In diesem Dokument werden wir unsere Erörterung damit beginnen, daß wir einigen weit verbreiteten Mythen über die Ökonomie der Softwareentwicklung die Luft auslassen; dann mit der Analyse von [CatB] und [HtN] in das Reich der Wirtschaftstheorie, der Spieltheorie und der Business Models vorstoßen und neue Konzepte für das Verständnis der Art und Weise zu entwerfen, wie Open Source-Entwickler in einer Tauschwirtschaft (wie die unsere eine ist) ihren Lebensunterhalt verdienen können.
Um diese Linie der Analyse weiter zu verfolgen ohne abgelenkt zu werden, müssen wir die Vorstellung einer Geschenkkultur aufgeben (oder uns wenigstens darauf einigen, sie vorübergehend zu ignorieren). [HtN] zeigt, daß es zu dieser Freigiebigkeit in Situationen kommt, die alles Lebenswichtige in solchem Überfluß bieten, daß ein Austausch von Waren uninteressant wird. Das ist zwar als psychologische Erklärung ausreichend, versagt aber für den gemischt-ökonomischen Kontext, in dem die meisten Open Source-Entwickler operieren. Für die meisten ist das Spiel um Waren zwar nicht mehr attraktiv, hat aber noch immer die Macht, den eigenen Aktionsradius einzuschränken - schließlich braucht jeder irgendein Einkommen. Das Verhalten dieser Mehrheit muß auch im Rahmen einer herkömmlichen Ökonomie wirtschaftlichen Sinn machen, um ihnen den Luxus der Freigiebigkeit zu ermöglichen.
Daher werden wir nun die einzelnen Arten der Kooperation und des Austausches beleuchten, die Open Source-Entwicklung ermöglichen - und das gänzlich innerhalb des Rahmens der herkömmlichen Ökonomie. Dabei werden wir die pragmatische Frage "Wie kann ich damit was verdienen?" detailliert beantworten und Beispiele anführen. Als erstes aber werden wir zeigen, daß sehr viele von den Zweifeln hinter dieser Frage nur vor der Kulisse der vorherrschenden - und nicht stichhaltigen - Folklore der Ökonomie der Softwareproduktion berechtigt sind.
(Eine letzte Anmerkung noch, bevor wir zur Ausführung kommen: die Erörterung und Befürwortung des Open Source-Modells in diesem Text sollte nicht als These verstanden werden, daß Closed- Source-Projekte von Grund auf falsch sind; auch nicht als Opposition gegen Urheberrechte bei Software, und auch nicht als ein frömmelnder Aufruf, mit seinen Mitmenschen zu teilen. Während all diese Argumente unter einer nicht zu überhörenden Minderheit in der Open Source-Gemeinde noch immer heiß geliebt werden, zeigen die seit [CatB] gemachten Erfahrungen deutlich deren Überflüssigkeit. Zur Rechtfertigung von Open Source- Entwicklung sind die technischen und wirtschaftlichen Zielsetzungen völlig ausreichend: mehr Qualität, höhere Zuverlässigkeit, geringere Kosten und eine breitere Produktpalette).