Im Flur meiner Eltern hängt eine Tafel mit einem alten deutschen Spruch. Er lautet: "Liebe ist arm und reich - fordert und gibt zugleich." Er gefällt mir, weil er etwas Wichtiges darüber aussagt, wie die Kultur von Perl zustande kam. Tatsächlich sagt er verschiedene Dinge zugleich.
Leute haben mich oft gefragt, wie ich nur so wertvolle Computerprogramme wie Perl kostenlos abgeben könne. Diese Leute scheinen zu denken, daß Geld die einzige Möglichkeit ist, mitzuhalten, und daß man mehr wert ist, wenn man eine ganze Menge von diesem Geld hat. Aber ich meine, daß der Wert eines Menschen nicht daran gemessen werden sollte, was man von anderen genommen hat, sondern an dem, was man anderen Menschen zurückgegeben hat. Und so gesehen stehe ich bereits tief in der Schuld anderer. Meiner Meinung nach reiche ich die Gaben, die ich von anderen erhalten habe, lediglich weiter, wenn ich ein Programm wie Perl weitergebe. Manche dieser Gaben wurden mir bereits vor meiner Geburt gegeben.
Der Mädchenname meiner Mutter war Schmidt, und sie wuchs in Los Angeles auf, dem Schmelztiegel Kaliforniens, das wiederum der Schmelztiegel der Vereinigten Staaten ist, die ihrerseits der Schmelztiegel der Welt sind. Ungeachtet dessen wurde meiner Mutter von ihren Eltern vermittelt, ihre Herkunft wertzuschätzen. Zum Beispiel weigerte sich mein Großvater während des Ersten Weltkrieges, seinen Namen von Schmidt in Smith zu ändern, obwohl er von mehreren Bekannten dazu gedrängt wurde. Ihm war seine kulturelle Identität wichtiger als die Diskriminierung, die sie zu dieser Zeit hervorrief. Er vermittelte das meiner Mutter, und sie gab diese Lektion ihrerseits weiter an mich. So lernte ich in einem frühen Alter, daß alle Kulturen gute und schlechte Aspekte haben und daß es falsch ist, Leute aufgrund ihrer Nationalität zu beurteilen. Eher sollten gute Menschen das schätzen, was an anderen Kulturen gut ist.
Mein Vater wuchs dreisprachig auf. Er sprach Niederdeutsch (eigentlich Flämisch) zu Hause, Hochdeutsch in der Kirche und Englisch in der Schule. Das mag der Grund dafür sein, warum er so gerne mit Sprache spielte. Besonders gern kombinierte er Wörter auf ungewöhnliche und amüsante Weise. (Das Ergebnis war, daß ich mir der Bezeichnung bestimmter gewöhnlicher Dinge, wie unserem Kühlschrank, nie ganz sicher war.) Auf diese Weise lernte ich, der Struktur von Sprache, sowohl gesprochener als auch geschriebener, Aufmerksamkeit zu schenken. Ich lernte das Zusammenspiel von Doppeldeutigkeit und Redundanz in der Umgangssprache schätzen, ebenso die Ausdrucksfreiheit, die beide mit sich brachten.
Wahrscheinlich habe ich deswegen Karriere in der Linguistik gemacht, sofern man das überhaupt als Karriere bezeichnen kann. Es fing damit an, daß ich in der High School Deutsch lernte. Ich nehme nicht für mich in Anspruch, dort eine Menge Deutsch gelernt zu haben (weswegen ich dieses Vorwort auf Englisch schreibe und es übersetzen lasse). Aber es war meine erste Erfahrung mit einer anderen Sprache als Englisch. Ich lernte etwas über grammatische Fälle und Geschlechter, die man sich als verbindliche Kennzeichnungen von Substantiven vorstellen kann. (Substantive sind im Schriftdeutschen auch durch Großschreibung gekennzeichnet.) Sie werden bemerken, daß Perl ebenfalls verbindliche Substantivmarkierungen aufweist. Das ist kein reiner Zufall.
Nach dem Studium planten meine Frau und ich linguistische Feldforschungen bei den Wycliffe Bible Translators. Das hat aus gesundheitlichen Gründen nicht geklappt, aber wir haben festgestellt, daß unsere linguistische Ausbildung in vielen anderen Lebensbereichen wertvoll war. Ich weiß beispielsweise, wie schwierig es ist, eine gute Übersetzung von einem Buch zu machen, sei es die Bibel oder ein Buch über Perl oder selbst ein Vorwort wie dieses. Ich neige dazu, beim Schreiben viele Wortspiele zu machen. (Manche Leute würden sagen "zu viele". Wahrscheinlich haben sie recht.) Zum Beispiel könnte ich im Englischen versucht sein, ein Wortspiel mit "Foreword" zu machen, weil es in meiner Sprache wie "forward" klingt. Aber es wäre schwer zu übersetzen.
Doch die Schwierigkeiten, eine gute Übersetzung zu schreiben, gehen darüber noch weit hinaus. Manche denken, wenn man nur Wort für Wort von einer Sprache in die andere übersetzt, landet man schließlich wie durch Zauberei bei einer guten Übersetzung. So einfach ist das aber nicht, egal, ob man über menschliche Sprachen oder über Computersprachen redet. Die besten Übersetzungen übertragen nicht Wort für Wort, sondern Gedanken für Gedanken. Jedes geäußerte Wort steht in einem spezifischen grammatischen, semantischen, pragmatischen und kulturellen Kontext, und dieser Kontext unterscheidet sich von Sprache zu Sprache. Wir sind so sehr an diesen Kontext gewöhnt, wenn wir unsere eigene Sprache sprechen, daß wir ihn oft gar nicht mehr wahrnehmen. Doch ein Übersetzer muß sich ständig dieses Kontextes bewußt sein und Verständlichkeit und Genauigkeit gegeneinander abwägen. Es gibt keine perfekten Übersetzungen, aber die Welt verdankt denen viel, die bereit sind, etwas weniger als perfekt zu sein.
Aus diesem und aus vielen anderen Gründen freut es mich sehr, diese Übersetzung des "Kamel-Buches" ins Deutsche zu sehen. Ich bin froh, dem "alten Land", von dem ich so viel bekommen habe und noch immer so viel bekomme, etwas zurückgeben zu können.
Und jetzt lernt meine Tochter Heidi Deutsch, und sie macht ihre Sache sehr gut. Ehrlich gesagt, macht sie ihre Sache besser als ich damals. Schade, daß sie kein Sauerkraut mag. Tja nun. C'est la vie. (Dieser Satz bedeutet in allen Sprachen dasselbe. Da bin ich sicher.)
Larry Wall
Februar 1997
© 1998, O'Reilly Verlag