Es heißt, daß man sich schnell in den Bildern einer Metapher verfangen kann. Doch einige Metaphern sind einfach so brillant, daß man sich nur zu gern von ihnen einwickeln läßt. Dazu zählt wohl auch die Kochmetapher, zumindest in unserem konkreten Fall hier. Bleibt eigentlich bloß ein Problem ich komme mir ein bißchen wie der kleine Bruder von Dr. Oetker vor. Denn das vorliegende Werk ist derart bedeutend, daß alle meine Kommentare dazu überflüssig oder belanglos erscheinen müssen.
Naja, aber das hat mich ja noch nie vom Schreiben abgehalten. Die Kochkunst mag die bescheidenste aller Künste sein ich halte Demut allerdings nicht für eine Schwäche, sondern für eine Stärke. Große Künstler mußten zu allen Zeiten ihrem künstlerischen Medium dienen. Große Köche machen nichts anderes, mit dem einzigen Unterschied, daß sie ihr Medium am Ende dem Publikum im wahrsten Sinne des Wortes servieren. Und je bescheidener das Medium, desto bescheidener muß der Künstler sein, um dieses Medium in überirdische Dimensionen erheben zu können. Speisen wie auch Sprache tragen als Medium diesen bescheidenen, demütigen Charakter, setzen sich doch beide aus unfaßbar vielen Zutaten zusammen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben und sich gegen jede Art ihrer Zusammenführung sträuben. Doch unter der Einwirkung eines kreativen und disziplinierten Geistes werden aus Pommes, Pasta und Perl wahre Kunstwerke, die Genuß par excellence versprechen und nicht bloße Pflichterfüllung. Es entstehen jene prächtigen Mosaiksteinchen, die unseren Weg durchs Leben ein bißchen angenehmer gestalten.Die Kochkunst gehört zu den ältesten Kulturgütern der Menschheit. Einige moderne Künstler wollen uns zwar glauben machen, daß die vergängliche Kunst eine Erfindung unseres Zeitalters ist, doch die Kochkunst ist schon immer eine solche gewesen. Wir mögen uns für den Schutz und die Bewahrung von Kunst einsetzen, wollen sie unserer Nachwelt erhalten, doch selbst die Opferbeigaben aus den Pharaonengräbern werden eines Tages wieder ausgegraben. Und in diesem Sinne ist auch vieles von unserer Perl-Programmierung nicht für die Ewigkeit bestimmt. Dieser Aspekt der Perl-Kochkunst stand häufig im Kreuzfeuer der Kritik. Man könnte sie als billigen Schnellimbiß bezeichnen, doch Milliarden von Dollar fließen gerade deshalb in Investitionen, weil man meint, daß ein Schnellimbiß nicht unbedingt billig und schlecht sein muß. (Hoffen wir.) Einfaches sollte einfach zu erledigen und Schwieriges möglich sein. (»Easy things should be easy, and hard things should be possible« ist der zweitwichtigste Perl-Slogan. Anm. d. Ü.) Für jedes Fastfood-Rezept gibt es zahllose Feinschmeckerrezepte. Bei uns in Kalifornien habe ich das große Glück, daß mich die Gaumenfreuden fast aller nationalen Küchen dieser Welt sozusagen gleich um die Straßenecke erwarten. Aber auch innerhalb einer bestimmten Kultur gibt es »viele Wege, die zum Ziel führen«.(»There's More Than One Way To Do It«, auch bekannt als TMTOWTDI, ist der Perl-Slogan schlechthin. Anm. d. Ü.) Eine russische Volksweisheit besagt, daß es mehr Rezepte für Borschtsch als Köche gibt. Dem kann ich nur beipflichten. Das Rezept meiner Mutter kam sogar ganz ohne Rote Rüben aus! Aber das ist in Ordnung so, und mehr noch: Borschtsch läßt Kulturunterschiede deutlich werden, und unterschiedliche Kulturen haben Interessantes, Wissenswertes, Nützliches und Spannendes zu bieten.
Und so machen Tom und Nathan in diesem Buch nicht immer alles so, wie ich es tun würde. Mitunter verfährt jeder von ihnen auf seine eigene Weise. Doch auch das ist wieder in Ordnung, das ist nicht ihre Schwäche, sondern ihre Stärke. Ich muß zugeben, daß ich beim Lesen dieses Buches so manches dazugelernt habe. Was noch wichtiger ist: Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich immer noch nicht alles weiß. Und das wird hoffentlich auch noch eine Weile so bleiben. Ich spreche oft von der Perl-Kultur, als wäre sie etwas Homogenes, Statisches, doch in Wirklichkeit gibt es zahlreiche Perl-Subkulturen, ganz zu schweigen von den Subsubkulturen, Superkulturen und Nebenkulturen in allen nur denkbaren Kombinationen, die alle bestimmte Eigenschaften und Methoden voneinander übernehmen. Das kann schon Verwirrung stiften. Und das tut es auch, bei mir jedenfalls, und das ziemlich oft.
Ein Kochbuch wie das vorliegende will also nicht für seine Leserinnen und Leser kochen (kann es auch nicht) oder ihnen gar das Kochen beibringen (obgleich es dabei hilft), sondern vielmehr eine Vielfalt von Kulturelementen vermitteln, die für nützlich erachtet wurden, und vielleicht andere Elemente von »Kulturen« herausfiltern, die unbemerkt in einer vergessenen Ecke des Brotkastens »herangereift« sind. Sie werden einige Gedanken aus diesem Buch anderen Leuten vorstellen, doch erst, nachdem diese Ideen Ihren ganz persönlichen Filter aus Erfahrungen und Vorlieben, Kreativität und Disziplin passiert haben. Sie werden Ihre eigenen Rezepte entwickeln und an Ihre Kinder weitergeben. Und Sie sollten sich keinesfalls überrascht zeigen, wenn diese wiederum mit ihren eigenen Kreationen aufwarten und Sie nach Ihrer Meinung dazu befragen. Dann bloß nicht das Gesicht verziehen!
Ich kann Ihnen diese Rezeptsammlung nur empfehlen. Ich habe nur sehr selten das Gesicht verzogen.
Larry Wall
Juni 1998
© 1998, O'Reilly Verlag