Peer-to-Peer oder das Netz als Computer
Ein Kommentar von Tim O'Reilly
Seit Napster die Fundamente der Musikwelt erschüttert und das Tauschen von Songs enorm erleichtert hat, steht die Computerindustrie vor einer völlig neuen Perspektive mit neuartigen Risiken und Chancen. Bedeuten Projekte wie Napster, Gnutella und Freenet das Ende des geistigen Eigentums, wie wir es kennen? Oder entsteht gerade ein riesiges neues Geschäftsfeld für all jene, die als erste die Regeln des neuen Mediums verstehen und für sich nutzen?
Was hat Napster mit Distributed Computing-Projekten wie Seti@Home, Instant Messaging, Peered Web Services und neuen Anwendungsplattformen wie Groove und Jabber zu tun? Ist "P2P" - wie man es jetzt nennt - nur die neueste modische Seifenblase oder tatsächlich der Beginn einer neuen Generation von Internetapplikationen?
Ich denke, letzteres ist der Fall.
Heute und für die nächsten Jahre läßt sich die wichtigste Entwicklung im Computerbereich mit Suns altem Slogan beschreiben: "Das Netzwerk ist der Computer". Wir bewegen uns weg von der Dominanz der Desktop-Systeme hin zu einer Welt allgegenwärtiger Rechnerdienste, eine Welt, in der Ihre wichtigsten Daten nicht mehr auf der lokalen Festplatte oder nicht einmal mehr in Ihrer Firmendatenbank gespeichert sind. In dieser neuen Welt werden Sie mit einer Vielfalt verschiedenster Geräte Informationen sammeln, Applikationen verwenden und Menschen kontaktieren und das alles, ohne notwendigerweise zu wissen, an welchem physischen Ort die involvierten Systeme und Geräte liegen.
Viele Leute werden sich eiligst zu dieser Vision bekennen, aber nur wenige von uns verstehen sie wirklich. Die Welt wird wieder einmal auf den Kopf gestellt, ganz so, wie damals, als Personal Computer das alte Modell zentralisierter Datenverarbeitung verdrängten.
Man kann die neue Entwicklung mit Hilfe verschiedener Ansätze deuten. Ich sehe sie als Neuentdeckung und Erforschung der Möglichkeiten von Instant Messaging (IM). Instant Messaging ist bereits eine populäre Consumer-Anwendung bei Diensten wie AOL und Yahoo! und nimmt bei Mobiltelefonen und Pagern geradezu gigantische Ausmaße an, besonders in Europa und Japan.
Dies alles wird noch interessanter, wenn man erkennt, daß auch Napster eigentlich bloß eine Art von Instant Messaging ist, bei dem die Einstiegsfrage nicht lautet: "Willst Du Dich mit mir unterhalten?", sondern: "Hast Du diesen Song". So gesehen hält uns wenig von der Frage ab: "Hast Du diese Datei?", oder von der Frage: "Bietest Du diesen Dienst an?" Und tatsächlich bauen Projekte wie AIMster ihren File Sharing-Service ausdrücklich auf der Grundlage des AIM-Protokolls auf. Das Open Source-Projekt Jabber geht mit seinem System für Instant Messaging noch weiter.
Es wurde geschaffen als Versuch, eine Brücke zwischen den verschiedenen inkompatiblen Instant Messaging-Protokollen zu schaffen. Inzwischen beschreibt es Jeremie Miller, der Schöpfer von Jabber, folgendermaßen: "In Wirklichkeit bauen wir eine verallgemeinerte XML Routing-Architektur." Ray Ozzie, berühmt geworden durch Lotus Notes, hat ein neues Startup namens Groove Networks gegründet, das von einer ähnlichen Vision beseelt ist und die nächste Generation von Applikationen für Unternehmenskommunikation zum Gegenstand hat.
Immer mehr Websites steigen in dieses Spiel ein und sehen sich selbst als Sammlung von Diensten, nicht als Sammlung von Dokumenten. Warum sollte ein Browser das einzige Programm sein, das Dienste über das Netz nutzt? Warum können nicht auch andere Programme auf rund um den Globus verteilte Daten zugreifen oder Applikationen aufrufen? Warum sollte die verfügbare Software auf jene Programme beschränkt sein, die man auf seiner lokalen Festplatte hat? Die Überwindung dieser Beschränkungen ist das Herz von Microsofts .Net-Vision, und ist - nicht zufällig übrigens - ein zentrales Ziel der GNOME- und Eazel-Entwickler, die an der nächsten Generation von Linux-Desktops arbeiten.
Ebenso bemerkenswert finde ich die Möglichkeiten des Distributed Computings. Seti@Home, das Projekt bei UC Berkeley, dem sich schon über 2 Millionen Benutzer angeschlossen haben, analysiert auf deren Computern die Daten von Radioteleskopen und sucht nach Indizien für außerirdische Intelligenz - und das, während die Bildschirmschoner laufen. Es ist aber nur das erste einer Welle von Startups, die erkennen, daß jetzt das Netz selbst zu einer Rechnerplattform geworden ist. "Was wir hier machen", sagt Marc Hedlund, der Gründer des Distributed Computing Startups Popular Power, "ist, ein Betriebssystem für das Netz zu erschaffen".
Eine für das Verständis des Distributed Computings notwendige zentrale Erkenntnis ist, daß Metadaten (Daten über Daten) immer wichtiger werden. Bei den heutigen Marktgegebenheiten bedeutet das: XML. Durch strukturierte Beschreibung von Inhalten und Diensten ermöglichen XML-basierte Metadaten neue und smartere Applikationen, die bei anderen Applikationen gezielt Unterstützung anfordern und sich selbst im fliegenden Wechsel umkonfigurieren.
Alle hier aufgezählten Technologien - vom Peer To Peer File Sharing bis zum Distributed Computing - erfordern sehr viel Metadaten-Management. Wer hat die Datei, die ich brauche? Wer stellt die notwendige Bandbreite im Netz zur Verfügung? Wer kann CPU-Zyklen erübrigen? Es gibt Millionen von individuellen Transaktionen zwischen den Systemen, aber irgend jemand muß das Abwickeln und das gegenseitige Bekanntmachen übernehmen. Wer die Metadaten kontrolliert, dem gehört die Welt.
Tim O'Reilly
Deutsche Übersetzung von Reinhard Gantar
Das Buch zum Thema: Peer-to-Peer. Harnessing the Power of Disruptive Technologies, herausgegeben von Andy Oram. Weitere Informationen zu Thema finden Sie auf der Peer to Peer-Seite unserer amerikanischen Kollegen: www.openp2p.com.