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"Ein Adler sein"
Ein Interview mit Tim O'Reilly geführt von Michael Roesler-Graichen vom Börsenblatt
, erschienen im Börsenblatt Nr. 15 |
Sie haben mit einer Arbeit über Platos Dialoge Ihren Abschluss am Harvard College gemacht. Warum haben Sie sich von der klassischen Philologie verabschiedet und dem Verlegen von Computerbüchern zugewandt?
Tim O'Reilly: Ich habe mich immer für Altertumswissenschaften interessiert, weil ich davon überzeugt bin, dass viele Aspekte des modernen Denkens erstmals in Griechenland verwirklicht worden sind. Erstaunlicherweise bin ich heute Zeuge eines Entwicklungssprungs in der Moderne, in dem wir lernen, wie wir (mit dem Internet) eine kollektive Intelligenz von Millionen miteinander verbundener Individuen bilden. Aber das konnte ich nicht wissen, als ich auf Computer umgesattelt habe. Es war eher so, dass ich einen Job brauchte. Ich wollte etwas Interessantes tun, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Einem befreundeten Programmierer wurde ein Freelance-Vertrag für das Verfassen eines Handbuchs angeboten. Er wusste nicht, wie man schreibt, und ich hatte keine Ahnung von Computern. Wir konnten uns jedoch vorstellen, dass wir die Aufgabe gemeinsam bewältigen.
Stellen Sie sich vor, Plato würde heute leben: Wäre er von Computern fasziniert?
Tim O'Reilly: Vielleicht. Ich muss aber sagen, dass mich Plato eigentlich stets weniger als Sokrates interessiert hat, dessen Geschichte Plato erzählt. Und ich bin überzeugt, dass Sokrates die Interaktionen gutgeheißen hätte, die sich heute online abspielen. Auf der Suche nach Wahrheit hat er eine Form des intellektuellen Streits entwickelt, und er wäre glücklich, diesen Streit online auszufechten, wenn er heute lebte. Das Internet würde ihm eine wesentlich größere Bühne verschaffen. Wir könnten eine gute Dosis seiner Aufrichtigkeit, seiner Einsicht und seines gesunden Menschenverstands in vielen unserer heutigen Debatten brauchen.
1981 haben Sie Ihr erstes Buch veröffentlicht, eine Biografie über den Science-Fiction-Autor Frank Herbert (»Der Wüstenplanet«). Fühlen Sie sich nach wie vor zu Science-Fiction hingezogen?
Tim O'Reilly: Ja. Es ist eine wundervolle Literatur der Möglichkeit, die uns hilft, uns auf die Zukunft vorzubereiten. Zu den liebsten Science-Fiction-Büchern der vergangenen Jahre gehören für mich Kim Stanley Robinsons bisher noch nicht auf Deutsch erhältliche Mars-Trilogie und Neal Stephensons »Snow Crash« (Goldmann). Doch mit zunehmendem Alter finde ich historische Romane mindestens genauso interessant. Man kann sowohl aus der Zukunft als auch aus der Vergangenheit lernen.
Lässt Sie der technologische Fortschritt bei Computern und bei Telekommunikation manchmal an Science-Fiction-Storys denken?
Tim O'Reilly: Bis zur Jahrhundertwende war ich enttäuscht, dass die Zukunft nicht die Science-Fiction eingeholt hatte. Aber jetzt, mit dem Anbruch des neuen Jahrtausends, entstehen plötzlich viele Dinge, von denen wir bisher nur in Science-Fiction-Geschichten geträumt haben. Erst kürzlich war ich über ein Zitat des SF-Autors William Gibson entzückt: »Die Zukunft ist hier. Sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt.« Ich habe eine Mail-Serie mit dem Titel »Neues aus der Zukunft« gestartet. Darin sammle ich Vorboten von Dingen, die in nächster Zeit auf uns zukommen werden.
Wie sehen Sie die Zukunft des E-Books? Glauben Sie, dass diese Art zu publizieren und zu verlegen eine neue Blüte erlebt?
Tim O'Reilly: E-Books sind überall um uns herum. Wir erkennen sie nur nicht als solche, weil wir zu sehr darauf fixiert sind, mit ihnen die Form eines Buchs nachzuahmen, statt ihren Zweck als neues Medium zu begreifen. O'Reillys eigener E-Book-Service Safari ist der Geschäftsbereich, der am schnellsten wächst: Die Online-Nachschlage-Bibliothek umfasst mehr als 2 000 Bücher - mit allen Vorteilen einer Online-Datenbank.
Welche Perspektive sehen Sie für das Internet? Werden wir bald ein intelligentes Netz haben?
Tim O'Reilly: Amazon-Chef Jeff Bezos pflegt zu sagen: »Es ist immer noch Tag eins.« Wir stehen lediglich am Anfang des wahren Internet-Zeitalters. Bis jetzt war das Internet nicht mehr als eine Zugabe zum PC; doch wir fangen an, es als Plattform zu verstehen. Wir bewegen uns auf eine Ära zu, die als »pervasive computing« bezeichnet wird: Damit ist die Vision eines Computers gemeint, der auf allen Ebenen Zugriff auf Anwendungen und Dienste ermöglicht, die unabhängig von Geräten und Plattformen sind.
Sie haben Bücher von Autoren und Dichtern wie Samuel Johnson, Thomas Kuhn und Wallace Stevens gelesen. Haben sie Ihr Denken geformt?
Tim O'Reilly: Absolut. Eines meiner »ewigen« Lieblingsbücher ist »The Meaning of Culture« (deutsch etwa Die Bedeutung der Kultur) des walisischen Schriftstellers John Cowper Powys. Powys, der in den 30er Jahren ein populärer Schriftsteller und Dozent war, argumentiert, dass »Kultur« die ganz persönliche Sammlung von Ideen, Leseerfahrungen, Musik und Kunst ist, die man in das eigene Leben einbringt. Bücher stellen Werkzeuge für den Geist bereit. Unsere Welterfahrung wird durch das, was wir lesen, bereichert - ebenso wie das, was wir lesen, durch unsere Erfahrung bereichert wird. - Was Johnson and Stevens betrifft: Beide haben sich tief in mein Bewusstsein eingegraben. Ich kenne lange Passagen ihrer Werke auswendig; sie kommen mir oft in den Sinn, wenn ich mit Leuten spreche.
Mit dem Verlegen von Büchern haben Sie 1978 begonnen. Wann haben Sie beschlossen, in den deutschen Buchmarkt einzusteigen?
Tim O'Reilly: Das war Ende der 80er Jahre. Ich stand in Kontakt mit Günter Fuhrmeister - seinerzeit bei Addison Wesley -, der daran interessiert war, einige meiner Bücher ins Deutsche zu übersetzen. Als Günter dann Anfang der 90er Jahre zu Thomson wechselte, gründeten wir ein Joint Venture. Thomson verlor bald darauf sein Interesse am Computerbuchmarkt und verkaufte sein deutsches Tochterunternehmen. Wir kauften dann unseren Anteil am Joint Venture zurück. Seither firmieren wir in Deutschland als O'Reilly Verlag. In diesem Jahr feiern wir unser zehnjähriges Bestehen.
Als Herausgeber und Verleger von Büchern unterstützen Sie die Open-Source-Bewegung - also eine Software-Produktion, die ihre Quellcodes offen legt. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Open-Source-Philosophie und einer offenen Gesellschaft?
Tim O'Reilly: Ganz unbedingt. Offene Standards und offene Systeme ermöglichen es, dass neue Ideen gleichsam »vom Rand« kommen können, ohne zentrale Kontrolle oder Erlaubnis. Einige Leute glauben, dass Open Source dabei ist, geistiges Eigentum abzuschaffen. Aber in Wirklichkeit geht es darum, die Hürden für die Zusammenarbeit zu senken.
Wie sehen Sie Ihre Zukunft als Verleger?
Tim O'Reilly: Auch wenn wir für unsere Bücher bestens bekannt sind, sehe ich uns weniger als Verlag denn als Informationsdienstleister. Wir publizieren Bücher, wir kreieren Online-Auftritte, organisieren Konferenzen und bieten Technologie-Beratung - alles im Dienst der größeren Vision, wie ich sie skizziert habe. Wir sehen unsere Aufgabe darin, neue Entdeckungen ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken und das vorhandene Wissen möglichst breit zu streuen.
Auf Ihren Buchcovers turnen überall Tiere herum. Haben Sie eine spezielle Beziehung zur Fauna oder zu Haustieren?
Tim O'Reilly: Nicht wirklich. Ich habe eine Reihe von Haustieren - einen Hund, eine Katze und zwei Pferde. Aber das ist eher ein Nebeneffekt, der sich ergibt, wenn man Kinder hat. Ich hänge sehr an meinem Pferd, einer weißen Island-Stute namens Randallin - aber das hat nichts mit den Tieren auf meinen Buchumschlägen zu tun. Wie man es häufig in der Open-Source-Szene erlebt, kam dieser ästhetische Einfall als ein Geschenk von einem völlig Unbekannten. Einer unserer Autoren brachte sieben Coverentwürfe von seiner Mitbewohnerin mit. Ihre Begründung für die Tiermotive: »Die Computerprogramme, über die ihr schreibt, klingen wie seltsame Tiere.«
Welches Tier wären Sie gern?
Tim O'Reilly: Vielleicht ein Wolf. Oder auch ein Bär. Aber ich würde mich gern in viele verschiedene Tiere verwandeln können. Ein Adler oder ein Habicht zu sein, wäre wirklich cool. Oder ein Delphin!
Zur Person:
Tim O’Reilly ist seit 1978 Präsident des von ihm gegründeten Unternehmens O’Reilly & Associates (Sebastopol, Kalifornien). Seit 1994 ist er mit dem O’Reilly Verlag im deutschen
Markt präsent. Der 1954 in Cork (Irland) geborene Verleger
schloss 1975 sein Studium der Altertumswissenschaften am
Harvard College ab. Neben seiner Arbeit im Verlag ist O’Reilly
ein passionierter Leser. Seine Privatbibliothek umfasst mehr
als 5000 Bände (klassische Texte, Science-Fiction und historische
Romane). Seit 1975 ist O’Reilly verheiratet; er hat zwei Töchter.
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