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IPv6 - Zurück zur Einfachheit
Seiten: 1, 2

Wer setzt IPv6 heute ein?

Ich hatte vor, im Buch IPv6 Essentials ein Kapitel über den 6Bone zu schreiben. Der 6Bone ist ein weltweites Testnetz, an dem über 1.000 Hosts aus 50 verschiedenen Ländern beteiligt sind. Seine Anfänge gehen zurück ins Jahr 1996. Damit wollte ich zeigen, daß IPv6 heute schon viel mehr ist als nur ein Standard auf Papier, daß es lebt und eingesetzt wird. Als ich anfing, an diesem Kapitel zu arbeiten, stellte ich zu meinem Erstaunen fest, daß es bereits eine größere Zahl von produktiven und kommerziellen Netzwerken gibt, die IPv6 einsetzen. Beispiele dafür sind NTT Communications in Japan und Telia in Schweden. Gespräche mit den zuständigen Projektleitern haben ergeben, daß es zwar einige Dinge gibt, die sie noch vermissen, daß sie aber alles haben, was sie benötigen, um IPv6 einzusetzen. Was heute noch fehlt, ist eine verbreitete Unterstützung von IPv6 in Applikationen. Dieser Aufruf geht also an alle Middleware- und Applikationsentwickler: Der Markt wartet darauf, daß Ihr Eure Produkte IPv6-ready macht!

In Deutschland gibt es ein interessantes Pilotprojekt von Ärzten, Guardian Angel System (GANS) genannt. Es wurde in einer Zusammenarbeit der Universitäten Tübingen und Stuttgart sowie Ericsson Telebit im Rahmen des EU-Projekts 6WINIT realisiert. Dieses System stellt Teams, die im Einsatz bei lebenskritischen Notfällen sind (in Ambulanzen, Notfallräumen, bei Heimbesuchen), medizinische Hilfe von Spezialisten zur Verfügung. Das Team vor Ort kann sich mit den Spezialisten in Verbindung setzen. Alle zur Unterstützung notwendigen Daten (Übermittlung von Daten wie z.B. Herztöne, Übermittlung von Bildern, damit die Spezialisten sehen, was vor Ort passiert, und Übermittlung von Ton, damit die Spezialisten mit dem Team vor Ort reden können) werden über ein IPv6-basiertes Netzwerk übertragen. Ein möglicherweise lebensrettender Einsatz von IPv6. Zur Zeit läuft ein Pilotversuch über ein Kabelnetz, da noch keine breitbandigen kabellosen Netze zur Verfügung stehen. Außerdem wird das System zunächst an einem realistischen Patientensimulator evaluiert, um während der Tests keine Patienten zu gefährden. Ende 2002 ist ein Pilotversuch mit einem UMTS-Testnetz geplant. Die Initiatoren dieses interessanten Projekts suchen Partner für dieses und ein weiteres EU-Forschungsprojekt (Partner für die Gründung einer Firma zum Betrieb des GANS, Partner sowohl im Bereich der Technologie wie auch der assoziierten Bereiche, z.B. Versicherungen, Rückversicherungen, Medizingerätehersteller, Pharmakonzerne etc.).

Seit rund zwei Jahren gibt es von den meisten Herstellern produktive IPv6-Stacks. Marktanalysten sagen folgende Entwicklung für die Verbreitung von IPv6 voraus: Die Verbreitung von IPv6 bei Internet Service Providern (ISP) und in Firmen wird Ende 2002, spätestens 2003 beginnen. Gartner Group schätzt, daß bis zum Jahr 2006 rund 50 % der ISPs kommerzielle IPv6-Dienste anbieten werden. Man erwartet, daß in den Jahren 2005/2006 die Zahl der IPv4-Hosts allmählich anfängt abzunehmen und daß die Zahl der IPv6-Hosts stark zunehmen und bald höher sein wird als die Zahl der IPv4-Hosts.

Für viele von uns ist es schon zur Gewohnheit geworden, beim Besuch von Konferenzen, in Hotels oder in Airports die Wireless-Karte (802.11b) in das Notebook zu schieben, sich irgendwo hinzusetzen und E-Mails abzufragen oder Websites zu besuchen. Wußten Sie, daß bei IEFT-Konferenzen und bei IPv6-Summits diese Dienste schon heute über IPv6 angeboten werden?

Aktuelle Forschungsprojekte

Das 6net ist ein interessantes, auf drei Jahre angelegtes Forschungsprojekt, das im Januar 2002 gestartet wurde. Im Rahmen dieses Projekts wird das zur Zeit leistungsfähigste weltweite IPv6-Forschungsnetzwerk geschaffen. Ziel des Projekts ist es zu zeigen, daß die IPv6-Technologie dem anhaltenden Wachstum des Internets gewachsen ist. Die Investitionskosten belaufen sich auf rund 25,6 Millionen Euro, davon werden 65 % durch Projektpartner und 35 % durch die Europäische Kommission zur Verfügung gestellt. Zu den Projektpartnern gehören Firmen wie Cisco Systems, IBM, Sony, NTT Communications, viele nationale Forschungsnetzwerke und eine Reihe von Universitäten.

Ein weiteres Projekt ist Euro6IX. Es wird durch das europäische IST-Programm (Information Society Technologies) ermöglicht, und das Ziel ist, eine effiziente Einführung von IPv6 in Europa auf den Weg zu bringen. Der erste wichtige Schritt besteht darin, eine angemessene Netzwerk-Architektur zu entwickeln als Grundlage für das erste paneuropäische, nicht-kommerzielle IPv6-Netzwerk. Dabei sollen diverse neutrale IPv6-Internet-Exchange-Punkte in ganz Europa zur Verfügung gestellt und der gleiche Level an Robustheit und Servicequalität erreicht werden, wie er zur Zeit durch IPv4 zur Verfügung gestellt wird. Der nächste Meilenstein ist, diese IPv6-Infrastruktur für breitangelegte Tests, für Forschungszwecke, zur Applikationsentwicklung und für Applikationstests zu verwenden.

Wußten Sie, daß beim Global IPv6 Summit, der im März 2002 in Madrid stattfand, die erste großangelegte Übertragung eines Kongresses über IPv6 realisiert wurde? Umgesetzt wurde dies durch den Einsatz von ISABEL, einer bewährten Software für Real-Time-Videokonferenzen. In kurzer Zeit wurde diese Software auf IPv6 portiert, und so konnten Menschen aus aller Welt von zu Hause aus an der Konferenz teilnehmen und Sprecher, die nicht in Madrid anwesend sein konnten, ihre Präsentationen über das Internet anbieten.

NTT Communications, ein Provider in Japan, der kommerzielle IPv6-Dienste anbietet, hatte im März 2002 über 100 zahlende Kunden. Toshiba hat einen IPv6-fähigen Kühlschrank entwickelt, Sony eine IPv6-fähige Playstation, und als Bestandteil des WIDE-Projekts wurde sogar ein IPv6-fähiges Auto entwickelt. Die Regierung in Japan unterstützte das nationale IPv6 Promotion Council mit 80 Millionen Dollar (8 B. Yen) im Jahr 2001 und hat für Provider, die IPv6-fähige Router kaufen, einen Steuernachlaß eingeführt.

Im Internet gibt es bereits eine ganze Reihe von Websites, die über IPv6 zugänglich sind. Eine Liste dieser Webserver finden Sie auf www.ipv6.org/v6-www.html. Viele dieser Webserver sind nur für IPv6 konfiguriert, das heißt, Sie brauchen einen IPv6-Stack, um sie besuchen zu können. Einige dieser Webserver sind als Dual-Stack-Server konfiguriert, das heißt, sie sind sowohl über IPv4 als auch über IPv6 zugänglich. Wenn Sie lernen möchten, wie Sie IPv6 konfigurieren müssen, um IPv6-Websites zu besuchen, finden Sie die Informationen dazu in Kapitel 11 meines Buches IPv6 Essentials. Dann können Sie auch meine IPv6-Website auf ipv6.sunny.ch besuchen (Apache Webserver auf Linux). Schicken Sie mir einen Gruß, wenn Sie dort sind!

Und nicht zuletzt ein Goodie für die Gamers unter Euch: Zwei Leute in Kanada haben in nur zwei Tagen Quake auf IPv6 portiert. Sie finden es auf www.viagenie.qc.ca/en/ipv6/quake/ipv6-quake.shtml.

Zusammenfassung

Ich hoffe, daß dieser Artikel einige Fragen und Unsicherheiten bezüglich IPv6 geklärt hat und damit Ihr Interesse für das Protokoll geweckt wurde.

Sie fragen sich, ob Sie sich schon heute damit befassen müssen? Ich denke schon.

IPv6 ist mittelfristig unumgänglich. Umstritten ist nur noch, wie lang es brauchen wird, bis es sich in breiten Kreisen etabliert. Das werden wir sehen. Neue Dienste und Applikationen werden entwickelt, die von den erweiterten Möglichkeiten von IPv6 Gebrauch machen und darum mit IPv4 nicht verfügbar sein werden. Wenn Sie plötzlich Bedarf an einer solchen Applikation haben und sich bis zu diesem Tag nie mit IPv6 befaßt haben, wird der Übergang schmerzhaft für Ihr Team, Ihr Netzwerk und Ihr Budget. Wenn Sie sich jedoch frühzeitig mit IPv6 befassen, können Sie die Einführung schrittweise und in Ruhe planen. Sie müssen IPv6 nicht heute einführen, aber Sie sollten die schrittweise Einführung heute schon in Ihre IT-Strategie einplanen. Somit können notwendige Hard- und Software-Upgrades im Rahmen des normalen Produkte-Lebenszyklus erfolgen. Es gibt auch keinen Grund, bestehende und gut funktionierende IPv4-Infrastrukturen abzureißen und mit IPv6 zu ersetzen. Der alte Spruch "never touch a running system" gilt auch hier. Aber wenn Sie neue Netzwerksegmente aufbauen oder bestehende Segmente massiv ausbauen müssen, prüfen Sie IPv6 als eine Option, bevor Sie eine große Investition im Zusammenhang mit IPv4 tätigen. Je früher Sie testen und planen, desto schmerzloser wird der Übergang sein.

Einen nächsten Artikel werde ich einem IPv6 Business Case widmen. Er wird zeigen, daß sich eine gut geplante Investition in IPv6 langfristig auszahlen wird.


Das Buch IPv6 Essentials ist bei O'Reilly im Juli 2002 erschienen.

Silvia Hagen ist Inhaberin der Beratungsfirma Sunny Connection AG in der Schweiz und arbeitet als Senior Consultant und Analystin für viele mittlere und große Unternehmen.

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