Keine Alchemie: Fotografieren für Journalisten



 


Im Lokaljournalismus wird es immer üblicher, dass die schreibenden Journalisten neben Notizbuch und Stift auch eine Kamera in die Hand nehmen, um "mal eben" ein Bild für Ihre Zeitung zu schießen. All jenen Journalisten, denen Kamera und Bildgestaltung als ein nur schwer zu durchdringendes Geheimnis erscheint, möchte Kay-Christian Heine mit „Fotografie für Journalisten“ einen Leitfaden für bessere Bilder an die Hand geben. Nach der Lektüre wird der Leser feststellen: Gute Fotos sind keine Alchemie.

Wir sprachen mit dem Autor über den Alltag von Journalisten, Fotografie als zusätzliche Aufgabe und schwierige Aufnahmesituationen - lesen Sie hier unser Interview!

 


Das Buch

Von Journalisten wird zunehmend erwartet, dass sie die Fotos, die ihre Beiträge begleiten, selbst machen. Mit der Digitalkamera sind die Bilder ja auch schnell geschossen und stehen für die Verwendung in Print- oder Onlinemedien bereit. Könnte man meinen.

Doch die Praxis sieht oft komplizierter aus, denn wer gute Pressefotos machen möchte, sollte zumindest ein gutes Grundwissen in Technik und Gestaltung mitbringen. Zumal die Bedingungen oft ungünstig sind: Schlecht ausgeleuchtete Räume oder verregnete Außentermine sind nur allzu häufig. Hier setzt Fotografie für Journalisten an. Es vermittelt das entscheidende Wissen zu Technik, Bildaufbau, den Besonderheiten der Pressefotografie sowie rechtlichen und organisatorischen Fragen.

Ausführliche Informationen zum Buch finden Sie hier.

Der Autor

Kay-Christian Heine lebt und arbeitet an der Ostseeküste im Großraum Kiel. Zur Fotografie kam der Jurist als Autodidakt schon in seiner Jugend. Seitdem zieht sich das Bildermachen wie ein roter Faden durch sein Leben. Bereits in der Grundschule bescheinigten ihm Lehrer und Mitschüler außerdem, dass er einen besonderen Hang zum Erzählen von Geschichten habe. So war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Kay-Christian Heine beide Leidenschaften und Talente zusammenführte und nach einigen anderen Stationen im Lebenslauf zum Beruf machte.

Seit Jahren betätigt er sich deshalb als schreibender und zuvorderst fotografierender Journalist. Wichtige Sujets seiner Arbeit sind die Jazz- und Konzertfotografie sowie die Reportagefotografie auf Reisen, im Lokalen und zu sozialen Themen. Seine Arbeiten werden in verschiedenen Zeitungen und Magazinen veröffentlicht. Von Zeit zu Zeit sitzt Heine auch an der anderen Seite des Schreibtisches und arbeitet in der Redaktion einer Lokalzeitung. Er weiß daher aus eigener Anschauung, wie der Redaktionsalltag aussieht und welche Anforderungen dort an das von Journalisten gelieferte Bildmaterial gestellt werden.

Welchen spezifischen Anforderungen und Schwierigkeiten begegnen Journalisten, wenn Sie Fotos für die Zeitung machen?

Eine der größten Anforderungen an die Pressefotografie und gleichzeitig auch Herausforderung für den Fotografen ist es sicherlich, nicht nur ästhetisch ansprechende Bilder zu machen, sondern mit ihnen auch eine Botschaft, Geschichte, Information oder Nachricht zu transportieren. Das erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit dem Motiv und mit den abgebildeten Personen. Ein fotografierender Journalist muss außerdem immer die Geschichte im Blick behalten, die er erzählen möchte.

Gleichzeitig hat er oft mit Schwierigkeiten ganz praktischer Art wie schlechten Lichtverhältnissen, schlechtem Wetter und Zeitdruck zu kämpfen. Daneben lauern vor allem beim Fotografieren von Menschen auch rechtliche Probleme. Schließlich gilt es, Hand in Hand mit dem Auftraggeber zu arbeiten, also meist mit der Redaktion. Deren besondere Wünsche an das Fotomaterial hinsichtlich Layout, Farbigkeit und anderen Dingen soll der Journalist schon während der Aufnahmearbeiten erfüllen. Alles in allem ist es also ein ganzer Strauß von Aufgaben, denen sich der fotografierende Journalist gegenüber sieht.

Macht es wirklich einen Unterschied für den Zeitungsleser, ob das Bild vom kleinen lokalen Ereignis fotografisch perfekt gestaltet ist?

Ja, und das aus vielerlei Gründen. Zum einen hat das Foto in der Zeitung wichtige Funktionen zu erfüllen. Es soll zunächst die Aufmerksamkeit des Lesers erregen und ihn neugierig auf den ganzen Artikel machen. Die Entscheidung, ob er in den Artikel einsteigt, trifft der Leser in nur wenigen Sekunden. Ein gutes Foto lockt ihn in den Artikel hinein, informiert ihn über den Text hinaus und weckt vielleicht sogar Emotionen in ihm. Nicht umsonst kann ein herausragendes Seite-1-Foto die verkaufte Auflage einer Zeitungsausgabe in die Höhe treiben.

Außerdem finde ich, dass wir als Journalisten es den fotografierten Menschen schuldig sind, sie gut ins Bild zu setzen. Gerade im lokalen Bereich, wenn es um Vereinsleben und Ehrenamt geht, ist das wichtig. Die dort engagierten Menschen sind so etwas wie der Kit des gemeinschaftlichen Lebens in der Gemeinde. Sie haben es nicht verdient, sich falsch belichtet, farbstichig und unscharf in der Zeitung wiederzufinden. Und letztlich ist es der Journalist sich selbst schuldig, gute Bilder abzuliefern. Sie sind immer eine Visitenkarte für die Qualität seiner Arbeit. Wer hinterlässt bei seinen Auftraggebern schon gern einen schlechten Eindruck?

Welche Schwierigkeiten treten am häufigsten auf und was kann man dagegen tun?

Schlechtes Licht und schlechtes Wetter habe ich schon erwähnt. Ich lebe und arbeite im Norden der Republik, deshalb sind dies die Faktoren, die mir bei der Arbeit am meisten Kopfzerbrechen bereiten. Um trotz schlechter Lichtverhältnisse und ungünstiger Umweltbedingungen zu guten Bildern zu kommen, hilft angemessene Technik und deren handwerkliche Beherrschung weiter.

Häufig ist es schlicht dunkel, egal, ob in Innenräumen oder während der finsteren Jahreszeit draußen. Als fotografierender Journalist sollte ich dann lichtstarke Objektive und robuste, abgedichtete Kameras benutzen und wissen, wie ich das alles richtig einsetze. Schlechtes Licht heißt übrigens nicht zwingend zu wenig Licht. Auch zu viel oder ungünstiges Licht kann beim Fotografieren Probleme bereiten. Beispiele sind die harte und grelle Mittagssonne im Sommer oder farbiges Licht bei Konzert- und Bühnenveranstaltungen. Aber auch diese Schwierigkeiten kann ein Fotograf mit ein wenig Wissen um Lichtführung, Bildgestaltung und Technik meistern. In dem Buch „Fotografie für Journalisten“ widme ich deshalb einen kompletten Abschnitt der Fotografie unter schwierigen Bedingungen. Im Grunde ist das Licht für die Fotografie immer das maßgebliche Element.

Bildgestaltung, Lichtführung und Technik sind aber nicht die einzigen Gesichtspunkte. Als fotografierender Journalist arbeite ich häufig mit Menschen, die sich vielleicht gar nicht gern fotografieren lassen. Für den Fotografen ist es dann wichtig, spontan der Situation das Zwanghafte und Bedrohliche zu nehmen und stattdessen eine entspannte und vertraute Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Menschen doch noch mit Spaß an der Sache ablichten lassen.

Was war Ihre persönlich schwierigste Fotografiesituation?

Vor einigen Jahren war ich im südlichen Kenia am Fuß des Kilimandscharo, um eine Geschichte über die Auswirkungen von HIV/Aids auf die Menschen dort zu machen. Gleich am ersten Abend führte ich ein Gespräch mit dem Pastor der evangelisch-lutherischen Gemeinde. Der bat mich, ihn am nächsten Tag in die Klinik zu begleiten, um dort betroffene und in der Folge sehr kranke Menschen zu besuchen und zu fotografieren. Natürlich hatte ich dort mit schwachem Licht fertig zu werden. Weit schwieriger für mich aber war die menschliche Situation. Als Fremder in diesen Kosmos einzubrechen, birgt Risiken. Ich bewegte mich unter Menschen einer anderen Kultur, die in einer Ausnahmesituation lebten. In kurzer Zeit musste ich deren Vertrauen gewinnen und gleichzeitig diese sich vor meinen Augen abspielende Tragödie verstehen und beherrschen, ohne mit der Kamera die Menschen zu brüskieren und ihnen den Respekt zu versagen. So ein Erlebnis lässt wohl niemanden kalt, dennoch muss der Journalist Distanz und Objektivität bewahren.


Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass es nicht immer nur auf die fotografischen Kenntnisse ankommt. Deren sichere Beherrschung ist in solchen Situationen dennoch unumgänglich, denn Sie werden den Zugang zu den Menschen nicht finden, wenn Sie sich mehr auf die Kamera als auf Ihren Gegenüber konzentrieren.

Braucht ein schreibender Journalist professionelles Foto-Equipment? Und sind Ihrer Erfahrung nach schreibende Journalisten bereit, entsprechend zu investieren?

Ja. Die oftmals schwierigen Bedingungen, unter denen Journalisten arbeiten, erfordern lichtempfindliche, robuste, gut zu bedienende Kameras und lichtstarke, ebenso robuste Objektive. Auch ein wenig künstliches Licht in Form eines Blitzgeräts kann nicht schaden. Schließlich sollen uns die fotografischen Werkzeuge die Arbeit erleichtern und nicht erschweren. Allerdings hat so ein Equipment seinen Preis. Deshalb sollten Journalisten genau darauf schauen, welche neuen Ausrüstungsgegenstände ihre Bildergebnisse tatsächlich zu verbessern helfen und sich nicht allein darauf verlassen, was der bunte Werbeprospekt verspricht. Das Buch „Fotografie für Journalisten“ gibt übrigens einen umfassenden Überblick über die Fototechnik, ihre unterschiedlichen Möglichkeiten und auch Grenzen.

Beruflich fotografierende Kollegen sollten nicht am falschen Ende sparen. Vielmehr gilt: Weniger ist mehr. Die Ausrüstung muss nicht allzu umfangreich sein, aber gut. Außerdem muss es nicht zwingend eine Spiegelreflexausrüstung sein. Zwar favorisiere ich dieses Equipment nach wie vor, aber es gibt mittlerweile auch andere digitale Kamerasysteme, die, selbst an professionellen Standards gemessen, eine gute technische Bildqualität liefern. Auch einige Kompaktkameras werden diesen Anforderungen gerecht.

Hat sich das Berufsbild des Journalisten Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren verändert? (Insbesondere in Bezug auf das Fotografieren?)

Eindeutig ja. Es Veränderungen zu nennen, wäre aus meiner Sicht untertrieben. Es ist vielmehr ein kompletter Umbruch zu erkennen. Um dieses Thema haben sich in der Fachwelt viele Debatten entwickelt. Als Ursache wurden in erster Linie der Siegeszug des Internets und die Digitalisierung ausgemacht. Ob Recherchemethoden, Arbeitsabläufe in den Redaktionen, Verlagen und Druckhäusern, die Arbeitsweise der schreibenden Journalisten und auch die Pressefotografie: Web und Digitalisierung haben sozusagen keinen Stein auf dem anderen gelassen. Auch das Leserverhalten hat sich durch die im Internet möglichen Publikationsformen geändert. Auf alles wird der Journalismus insgesamt und auch jeder einzelne Journalist zu reagieren haben.

Besonders die Fotografie hat mit der Digitalisierung geradezu eine Revolution mit guten und bedenklichen Folgen für den Fotojournalismus erfahren. Schon während des Jobs kann ein Fotograf am Kameramonitor seine Fotos auf Fehler kontrollieren. Er kann seine Bilder nun selbst am Rechner den eigenen Vorstellungen entsprechend ausarbeiten und hat dabei im Vergleich zur Arbeit in der chemischen Dunkelkammer viel Komfort. Durch den Wegfall der Filmentwicklung vergeht außerdem weniger Zeit zwischen Shooting und dem fertigen Bild.

Das alles hat aber auch eine Kehrseite. Wir stehen zunehmend unter Zeitdruck, da der Auftraggeber die fertigen Bilder mehr oder minder sofort verlangt. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit, das Sackenlassen der Bilder, wird so fast unmöglich. Außerdem wird mehr Arbeit auf den Fotografen verlagert. Wo vor einiger Zeit noch Spezialisten am Werk waren, um Abzüge und Druckvorlagen herzustellen, sitzt der Urheber der Fotos nun selbst am PC, um eine druckfertige Datei herzustellen.

Insgesamt bringt die Digitalisierung zwar viele Anforderungen mit sich, sie bietet aber auch neue Chancen und Wege, journalistische Inhalte unabhängig von Verlagshäusern zu veröffentlichen. Jeder Journalist kann doch heute als Betreiber eines Blogs oder einer Internetseite sein eigener Verleger sein und ein weltweites Publikum erreichen. Das war noch vor wenigen Jahren unvorstellbar. Deshalb gebe ich in „Fotografie für Journalisten“ auch grundlegende Informationen darüber, was bei der Fotografie für Webseiten und Blogs speziell zu beachten ist.

Was denken Sie, welchen Einfluss wird die Online-Welt, insbesondere journalistisch anspruchsvolle Blogs, auf den Beruf des Journalisten haben?

Das ist, trotz des schon seit Jahren fortdauernden weltweiten Siegeszugs des Internets, ganz schwer vorherzusagen. Wie gesagt, gibt es unter Journalisten, Medienfachleuten, Berufsverbänden und Gewerkschaften viele, teils leidenschaftlich geführte Debatten um genau dieses Thema. Fest steht aber: Das Internet revolutioniert den Journalismus. Die Chancen, nun selbst und eigenverantwortlich publizieren zu können, sollten wir nutzen. Das ist ja inzwischen eine international viel geübte Praxis. Manchmal sind Blogs oder Social Networks wie Twitter und Facebook die einzigen Medien, über die Journalisten veröffentlichen können. Ich denke dabei an die regimekritische Berichterstattung engagierter, politisch verfolgter Journalisten aus totalitären Staaten, die über offizielle Kanäle unmöglich wäre.

Allerdings gibt es bisher für den Online-Journalismus kaum tragfähige und für die Urheber auskömmliche Geschäftsmodelle. Außerdem sehe ich Gefahren für Qualität und Ausgewogenheit des Journalismus, wenn jegliche redaktionelle Ordnung der Inhalte fehlt. Die Zeit wird es erweisen, ob und gegebenenfalls wie das Internet geeignet ist, verantwortlichen und freien Qualitätsjournalismus hervorzubringen, der seine Urheber ernährt. Ich glaube aber fest daran, dass genau dies passieren wird. Dann werden wir alle mit dabei sein, oder? Bis dahin ist ein gut geführtes Blog und eine Internetseite, auf der ein Journalist seine Arbeit ansprechend präsentiert, in jedem Fall eine schöne Visitenkarte.

Gibt es noch etwas, was Sie angehenden Journalisten oder Journalistenkollegen raten würden?

Ja, unbedingt. Ein Journalist sollte sich heute eine thematische Nische suchen, die ihn interessiert, über die er etwas weiß und in der er genügend Kontakte hat. Ich denke, in der Spezialisierung liegen große Chancen. Außerdem ist eine vielseitige Qualifizierung ratsam. Wenn ein Journalist gern schreibt, sollte er außerdem noch etwas anderes gut können. Zum Beispiel fotografieren. Genau deshalb habe ich das Buch „Fotografie für Journalisten“ geschrieben: Es vermittelt den bisher überwiegend schreibenden Journalisten die nötigen Kenntnisse, um zu ihren Texten gute Bilder zu liefern.

Darin liegt ja eine große Chance. Ein schreibender und fotografierender Journalist kann tolle Komplettpakete aus Text und Bild anbieten, die einen sehr deutlichen und unverwechselbaren Stil haben. Deshalb rate ich jedem Kollegen dazu, immer mal wieder etwas stilistisch Neues auszuprobieren. Das gilt sowohl für den Text als auch für die Bilder. Das Buch „Fotografie für Journalisten“ bietet ein ganzes Füllhorn an Tipps und Tricks, um eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Dieses Buch zu lesen, hilft in der Praxis sicher weiter, aber es ersetzt sie nicht. Deshalb sollte die Kamera niemals zu Hause bleiben, auch nicht beim Sonntagsspaziergang.

Was ist das Besondere an diesem Buch?

Ich denke, vor allem zwei Dinge zeichnen „Fotografie für Journalisten“ aus. Zum einen schreibe ich als Autor über genau das, was ich selbst seit Jahren beruflich mache. Das Buch vermittelt also echtes Praxiswissen. Zum anderen verbindet es diese Praxis mit der Theorie in anschaulicher Weise. Egal, ob Kameratechnik, Bildgestaltung oder Weiterverarbeitung der digitalen Bilder: In dem Buch gebe ich zu allen wesentlichen Dingen Einblicke in und Beispiele aus der Berufspraxis eines fotografierenden Journalisten. Und nicht zuletzt macht es auch noch Spaß, das Buch zu lesen.

Die Fragen stellten Susanne Gerbert und Nathalie Pelz.